Es gibt diesen einen Moment am Tag, auf den ich mich immer ganz besonders freue. Wenn in unserer Wohnung in Winterthur endlich Ruhe einkehrt, das Licht gedimmt ist und Aron eingekuschelt in seinem Bett liegt. An seiner Seite sitzt dann immer Shqiponja. Shqiponja ist ein Plüschadler. Ein ziemlich stattlicher sogar, mit weichem Gefieder und einem Blick, der irgendwie beschützend wirkt. Für meinen vierjährigen Sohn ist dieser Adler weit mehr als nur ein Spielzeug. Er ist ein treuer Begleiter, ein Beschützer in der Nacht und vor allem ein Brückenbauer zwischen den zwei Welten, in denen unsere Familie lebt.
Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen, meine Wurzeln liegen jedoch im Kosovo. Diese doppelte Zugehörigkeit ist ein grosser Reichtum, aber manchmal auch eine kleine Herausforderung. Man pendelt ständig zwischen zwei Kulturen, zwei Sprachen und oft auch zwischen unterschiedlichen Erwartungen. Bei uns zu Hause in Winterthur wird viel Schweizerdeutsch gesprochen, es gibt Raclette im Winter und am Wochenende gehen wir auf den lokalen Spielplatz. Wenn wir aber meine Eltern besuchen oder wenn die grosse Familie zusammenkommt, tauchen wir ein in eine Welt voller albanischer Traditionen, lauter Gespräche, viel Essen und Musik. Aron wächst genau dazwischen auf. Er nimmt beide Welten auf wie ein Schwamm.
Manchmal merke ich jedoch, dass es für ihn nicht immer einfach ist, diese Eindrücke zu ordnen. Kinder suchen nach Halt und Identifikation. Und genau hier kommt Shqiponja ins Spiel. Der Adler ist ja bekanntlich das Wappentier der Albaner. Als meine Schwiegermutter Aron den Plüschadler schenkte, dachte ich zuerst einfach an eine schöne Geste. Aber Kinder haben ihre ganz eigene Art, Dingen Bedeutung zu verleihen. Für Aron wurde der Adler schnell zum wichtigsten Begleiter überhaupt. Er nimmt ihn überallhin mit, egal ob zum Einkaufen in die Migros oder zum Besuch bei den Grosseltern. Wer mehr darüber lesen möchte, wie tief solche Bindungen sein können, findet in dem Artikel über die Bedeutung von Kuscheltieren wunderbare Einblicke unter Warum Kuscheltiere so wichtig sind.
Aber die wahre Magie passiert abends beim Vorlesen. Përrallë, so sagen wir Märchen auf Albanisch. Geschichten haben in unserer Kultur eine riesige Bedeutung. Sie werden am Tisch erzählt, auf Festen und natürlich vor dem Einschlafen. Als ich anfing, für Aron personalisierte Geschichten mit Märchenzauber zu gestalten, wusste ich sofort, wer die Hauptrolle spielen muss. Natürlich Shqiponja. Die Geschichten handeln von einem mutigen kleinen Adler, der hoch über die Schweizer Alpen fliegt, den Säntis umkreist und dann weiterzieht, bis er die weiten Berge des Balkans erreicht. In diesen Geschichten gibt es keine Grenzen. Der Adler spricht beide Sprachen. Er trinkt Rivella bei einer Pause auf einer Schweizer Alp und isst später Flia, ein traditionelles albanisches Gericht, bei seinen Freunden im Süden.
Aron lauscht diesen Geschichten immer mit grossen Augen. Er sieht sich selbst in dem Adler. Durch die Abenteuer von Shqiponja versteht er, dass es völlig normal ist, zwei Heimaten zu haben. Der Adler muss sich nicht entscheiden, ob er lieber in den Alpen oder in den Bergen des Kosovo fliegt. Er geniesst einfach beide Welten. Diese Geschichten geben Aron ein tiefes Gefühl von Geborgenheit und Stolz. Er lernt, dass seine Identität nicht aus Entweder-oder besteht, sondern aus einem wunderbaren Sowohl-als-auch. Es ist erstaunlich zu sehen, wie Sprache und Erzählungen die Identitätsentwicklung von Kindern fördern können. Ein spannender Beitrag dazu ist auch der Artikel über das Aufwachsen mit mehreren Sprachen, den ich euch sehr ans Herz legen kann: Zweisprachig aufwachsen.
Letzte Woche hatten wir wieder so eine typische Situation. Wir waren im Kindergarten und ein anderes Kind fragte Aron, warum sein Kuscheltier so einen lustigen Namen hat. Shqiponja ist für Schweizer Ohren ja nicht ganz einfach auszusprechen. Früher hätte Aron vielleicht schüchtern reagiert. Aber dieses Mal stellte er sich stolz hin und erklärte dem anderen Jungen, dass Shqiponja ein sehr mutiger Adler ist, der über zwei Länder fliegen kann und der auf zwei Sprachen weiss, wo es die besten Schätze gibt. Das andere Kind war total beeindruckt und wollte sofort mit dem Adler spielen. In diesem Moment war ich unglaublich stolz auf meinen Sohn. Er hatte verstanden, dass seine Herkunft etwas Besonderes ist, etwas, das ihn bereichert und nicht einschränkt.
Für uns Eltern ist es oft eine Gratwanderung. Wir möchten unseren Kindern die Traditionen unserer Heimat mitgeben, aber wir wollen auch, dass sie sich in der Gesellschaft, in der sie aufwachsen, vollkommen integriert und akzeptiert fühlen. Manchmal machen wir uns vielleicht zu viele Sorgen. Wir zerdenken die Dinge, überlegen, ob wir genug Albanisch mit ihm sprechen oder ob wir öfter schweizerische Traditionen feiern sollten. Aber Kinder sind da viel intuitiver. Sie nehmen das, was sich richtig und liebevoll anfühlt, und weben daraus ihr eigenes kleines Universum. Aron hat in Shqiponja einen Anker gefunden, der ihm hilft, seine eigene kleine Welt zu navigieren. Die Geschichten, die wir ihm abends vorlesen, sind wie Landkarten für diese Welt. Sie zeigen ihm Wege auf, sie erklären ihm Zusammenhänge auf eine spielerische Art und Weise, und vor allem vermitteln sie ihm die wichtigste Botschaft überhaupt. Du bist gut genauso wie du bist.
Die personalisierten Gutenachtgeschichten haben unsere Abendroutine wirklich verändert. Früher war das Vorlesen oft nur ein Abhaken eines weiteren Punktes auf der elterlichen To-Do-Liste. Heute ist es ein gemeinsames Erleben. Wir tauchen zusammen in die Abenteuer des Adlers ein. Aron darf oft mitentscheiden, wohin Shqiponja fliegen soll oder welches Problem er heute lösen muss. Dadurch wird er selbst zum Gestalter seiner Geschichten. Er bringt seine eigenen kleinen Sorgen und Freuden aus dem Kindergartenalltag ein, und der Adler hilft ihm dann in der Geschichte, diese zu verarbeiten. Wer mehr über unsere spezifischen Abendabenteuer lesen möchte, findet weitere Gedanken dazu in meinem Beitrag Zwischen zwei Welten.
Ich bin sehr dankbar für dieses kleine Ritual. Es gibt mir als Mutter die Gewissheit, dass ich Aron etwas Wertvolles mit auf den Weg gebe. Ein starkes Fundament, auf dem er seine eigene Identität aufbauen kann. Wenn ich ihn dann abends schlafend in seinem Bett sehe, den weichen Plüschadler fest im Arm, weiss ich, dass er geborgen ist. Er ruht in sich selbst, getragen von den Geschichten und der Gewissheit, dass er überall auf der Welt zu Hause sein kann, solange er weiss, wer er ist. Und das ist doch das Schönste, was wir unseren Kindern mitgeben können. Ein offenes Herz für die Welt und tiefe Wurzeln, die ihnen Halt geben, ganz egal wohin ihre Flügel sie einmal tragen werden.
