Meine Schwiegermutter sagt immer, dass Kinder wie kleine Schwämme sind. Sie saugen alles auf. Die Freude, den Stress, die Aufregung vom Kindergarten und manchmal auch den Frust, wenn der Turm aus Bauwerken zum zehnten Mal umfällt. Bei uns zu Hause in Winterthur ist das nicht anders. Aron hat letzte Woche beschlossen, dass er jetzt gross ist, aber abends, wenn das Licht gedimmt wird, kommen all diese aufgesaugten Emotionen wieder zum Vorschein.
Es ist oft schwer, für diese Emotionen die richtigen Worte zu finden. Wenn Aron wütend ist, dann brüllt er wie ein Löwe. Wenn er traurig ist, dann kullern die Tränen stumm. Aber benennen? Das ist eine andere Herausforderung. Forschung legt nahe, dass Kinder in diesem Alter erst beginnen, ein Vokabular für ihre innere Welt aufzubauen. Sie brauchen Brücken, um das, was sie fühlen, in Worte zu fassen. Und genau hier kommt Shqiponja ins Spiel.
Shqiponja, so heisst sein geliebter Kuscheladler, ist bei jeder Përrallë dabei. So sagen wir Märchen auf Albanisch. Wenn wir abends zusammen im Bett liegen, wird Shqiponja zum eigentlichen Helden der Geschichte. Das Konzept von Märchenzauber macht genau das möglich. Wir machen ein Foto von Shqiponja und die App webt ihn in eine persönliche Gutenachtgeschichte ein.
Es ist faszinierend zu beobachten. Studien deuten darauf hin, dass Kinder sich durch externe Objekte leichter öffnen. Wenn Shqiponja in der Geschichte plötzlich Angst vor der Dunkelheit hat oder frustriert ist, weil er nicht so hoch fliegen kann wie die anderen Vögel, dann hört Aron ganz genau zu. Er sieht seinen Adler, wie dieser Herausforderungen meistert und dabei seine Gefühle offen ausspricht.
Eines Abends lasen wir eine Geschichte, in der Shqiponja ziemlich wütend war. Er hatte seinen Lieblingszweig verloren. Die Geschichte beschrieb, wie sich Shqiponja tief in seiner Brust ganz heiss fühlte und wie er am liebsten laut geschrien hätte. Aron sah mich mit grossen Augen an und flüsterte, dass er sich auch manchmal so heiss in der Brust fühlt, wenn die anderen Kinder im Kindergarten ihm sein Spielzeug wegnehmen.
Das war ein Durchbruch. Ohne Shqiponja hätte Aron dieses komplexe Gefühl der Wut vielleicht nicht so praezise lokalisieren und benennen können. Die Geschichte gab ihm das Vokabular und vor allem die Erlaubnis, dieses Gefühl zu haben. Wenn sogar ein so mutiger Adler wie Shqiponja wütend oder traurig sein darf, dann ist das voellig in Ordnung.
Psychologen weisen oft darauf hin, dass die emotionale Regulation eng mit der Faehigkeit verknuepft ist, Emotionen überhaupt erst einmal zu erkennen und zu benennen. Wir haben frueher oft versucht, negative Gefühle schnell wegzutroesten. Das kennen sicher viele Eltern. Aber durch die gemeinsamen Lesestunden mit Shqiponja lernen wir alle dazu. Wir lernen hinzuhoeren und die Gefühle stehen zu lassen.
Wenn wir über Adler Shqiponja und zwei Kulturen sprechen, dann geht es oft um Identitaet. Aber Identitaet besteht eben auch aus Emotionen. Die Geschichten helfen uns, diese Emotionen wunderschön in unseren Schweizer Alltag zu integrieren, ohne dass es sich wie eine belehrende Lektion anfühlt. Es ist einfach eine gute Përrallë vor dem Einschlafen.
Und es hilft nicht nur bei negativen Emotionen. Auch Freude, Stolz oder Überraschung finden so ihren Platz. Letzte Woche erzählte die Geschichte von einem Moment, in dem Shqiponja so stolz war, dass sein Herz ganz schnell pochte. Aron legte seine kleine Hand auf seine eigene Brust und meinte, dass sein Herz genauso pocht, wenn er ein besonders hohes Haus gebaut hat. Das sind die kleinen Momente, in denen einem als Mutter wirklich das Herz aufgeht.
Solche Rituale sind Gold wert. Besonders in einer Grossfamilie, in der es manchmal drunter und drüber geht. Eine ruhige Abendroutine mit Shqiponja schafft einen sicheren Raum, in dem Aron alles verarbeiten kann, was am Tag passiert ist. Die Geschichten nehmen ihn bei der Hand und führen ihn durch den Dschungel seiner eigenen Gefühle.
Es ist auch spannend, wie er diese neuen Worte in den Alltag übertraegt. Neulich beim Frühstück meinte er ganz trocken, dass er heute ein bisschen frustriert sei, weil die Milch ausgegangen ist. Frustriert. Ein riesiges Wort für einen kleinen Kerl, aber er hat es in der Geschichte gehört und genau verstanden, wann es passt.
Manchmal vergesse ich selbst, wie viel Gewicht Worte haben können. Wir Erwachsenen haben gelernt, unsere Emotionen oft zu verstecken oder sie in komplexe Sätze zu verpacken. Kinder sind da viel reiner. Sie brauchen nur die richtigen Werkzeuge, um sich auszudrücken. Und manchmal ist dieses Werkzeug eben ein kleiner Stoffadler, der in einer Geschichte mutig von seinen Gefühlen erzählt.
Ich freue mich jeden Abend auf diese gemeinsame Zeit. Es ist unser Moment der Ruhe, unser kleines Ritual zwischen zwei Welten. Wir tauchen ein in die Abenteuer von Shqiponja und lernen dabei beide etwas mehr darüber, was in unseren Herzen vorgeht. Es ist nicht immer einfach, die richtigen Worte zu finden, aber mit ein bisschen Fantasie und den richtigen Geschichten wird es jeden Tag ein bisschen leichter. Und wenn wir dann das Licht ausmachen und Aron eng an seinen Shqiponja gekuschelt einschläft, dann weiss ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Forschung zeigt uebrigens auch, dass solche gemeinsamen Lesemomente die Bindung enorm stärken. Aber das wusste meine Schwiegermutter vermutlich schon immer, ganz ohne Studien. Sie würde sagen, dass Liebe und ein offenes Ohr die besten Lehrer sind. Und damit hat sie, wie so oft, vermutlich recht. Wir werden auf jeden Fall weiterhin jeden Abend unsere kleinen Geschichten lesen und uns von Shqiponja zeigen lassen, wie man über Gefühle spricht. Denn ein starker Adler braucht nicht nur kräftige Flügel, sondern auch die richtigen Worte.
