Ein gemütliches Kinderzimmer im Halbdunkel, beleuchtet von einer warmen Nachttischlampe, neben dem Bett ein Kuscheltier-Adler

Der Ruhepol in der Grossfamilie: Unsere Abendroutine mit Adler Shqiponja

Drita Berisha
Drita BerishaWinterthur

Hallo zusammen! Drita hier aus dem schönen Winterthur. Wer unsere Familie kennt, der weiss: Bei uns ist immer etwas los. Wenn meine Schwiegermutter zu Besuch kommt, dann steht nicht nur das Haus kopf, sondern auch die halbe Nachbarschaft ist eingeladen. Es wird gekocht, geredet, gelacht und ja, manchmal auch ein wenig lauter diskutiert. Aron liebt diesen Trubel. Er ist vier Jahre alt, ein richtiges Energiebündel und geniesst die volle Aufmerksamkeit der ganzen Verwandtschaft. Doch wenn sich der Tag dem Ende neigt und die Sonne hinter den Dächern verschwindet, wird aus dem fröhlichen Chaos oft eine kleine Herausforderung. Denn wie bekommt man ein Kind, das gerade noch mit den Cousins durch den Garten gerannt ist, zur Ruhe?

Das war lange Zeit unser grösstes Problem. Aron wollte nichts verpassen. “Nur noch ein bisschen spielen, Mama”, hiess es dann immer. Die Übergänge vom wilden Spiel zur ruhigen Nachtruhe waren fliessend, aber leider meistens in die falsche Richtung. Wir haben alles Mögliche ausprobiert. Beruhigungstees, entspannende Musik, stundenlanges Einreden auf ihn. Nichts hat wirklich geholfen. Er war wie aufgedreht. Bis wir unsere ganz eigene, kleine Geheimwaffe entdeckten: unseren Stoff-Adler Shqiponja.

Shqiponja, so nennen wir ihn stolz. Das ist Albanisch für Adler, ein wichtiges Symbol in unserer Kultur. Als Aron ihn von seinem Onkel geschenkt bekam, war es Liebe auf den ersten Blick. Der Adler mit seinen weichen Federn und den grossen, wachsamen Augen musste überall mit hin. Er war beim Einkaufen dabei, im Kindergarten und natürlich beim Toben im Garten. Doch das Interessante war: Shqiponja wurde für Aron nicht nur zum Spielkameraden, sondern auch zu einem Beschützer und Ruhepol. Und das machten wir uns zunutze.

Die Përrallë als rettender Anker

In unserer Kultur sind Geschichten extrem wichtig. Meine Grossmutter erzählte uns früher stundenlang Märchen, auf Albanisch sagen wir Përrallë dazu. Diese Geschichten handelten von mutigen Helden, von fernen Ländern und von starken Tieren. Ich erinnerte mich an die Faszination, die diese Erzählungen auf mich ausübten, und beschloss, diese Tradition für unsere Abendroutine wieder aufleben zu lassen. Aber nicht einfach nur vorlesen, sondern Aron und Shqiponja aktiv einbinden.

Wenn nun der Abend naht und der Lärm im Haus langsam verstummt, beginnt unser Ritual. Es startet damit, dass wir Shqiponja suchen. Meistens “versteckt” er sich schon im Kinderzimmer und wartet auf seinen kleinen Freund. Sobald Aron ihn gefunden hat, ziehen wir den Pyjama an. Das ist der Moment, in dem der Übergang von der lauten Aussenwelt in die ruhige Innenwelt stattfindet. Wir kuscheln uns in die Kissen, das warme Licht der kleinen Nachttischlampe wirft weiche Schatten an die Wand, und dann beginnt die Magie.

Ich erzähle Aron Geschichten. Aber nicht irgendwelche. Es sind Geschichten, in denen Shqiponja der grosse Held ist. Der mutige Adler, der über die Berge fliegt, fremde Tiere rettet und abends immer wieder sicher in sein Nest zurückkehrt. Aron lauscht diesen Abenteuern gebannt. Er stellt Fragen, fiebert mit und drückt seinen flauschigen Begleiter fest an sich. Manchmal erfindet er sogar eigene Enden für die Geschichten. Es ist faszinierend zu sehen, wie sehr ihn diese Erzählungen fesseln und gleichzeitig beruhigen.

Zwischen zwei Welten haben wir schon immer balanciert, aber diese abendlichen Momente gehören nur uns. Keine Verwandten, kein Lärm, nur mein Sohn, sein Kuscheltier und eine fantastische Welt, in die wir gemeinsam eintauchen.

Warum das Kuscheltier so wichtig ist

Ich habe lange überlegt, warum ausgerechnet diese Methode so gut funktioniert. Ich glaube, es liegt an der emotionalen Bindung. Shqiponja ist für Aron greifbar. Er ist sein Freund. Wenn der Adler in der Geschichte nach einem langen Flug müde wird und schlafen muss, dann versteht Aron das sofort. Er spiegelt das Verhalten seines Kuscheltiers. “Shqiponja ist jetzt sehr müde, Mama”, flüstert er dann oft. “Er muss schlafen, damit er morgen wieder stark ist.” Und schwupps, fallen auch Arons Augen zu.

Es ist eine wunderbare Brücke. Wir nutzen die Kraft der Fantasie, um den realen Alltag zu strukturieren. Und es funktioniert! Die endlosen Diskussionen über das Zubettgehen gehören der Vergangenheit an. Stattdessen freut sich Aron auf den Abend, auf die Geschichten und auf die Zeit mit mir und seinem gefiederten Freund.

Das Konzept, Kuscheltiere in die Erziehung einzubinden, ist natürlich nicht neu. Es gibt sogar eine interessante Forschung zu Kuscheltieren, die genau dieses Phänomen beschreibt. Die Studien zeigen, wie sehr diese weichen Gefährten Kindern Sicherheit und Struktur geben können. Für uns ist es jedenfalls der absolute Gamechanger geworden.

Ein Tipp für alle Familien da draussen

Wenn ihr auch Kinder habt, die abends schlecht zur Ruhe kommen, besonders an Tagen, an denen viel los war, probiert es aus. Nehmt das Lieblingskuscheltier eures Kindes und macht es zum Helden einer Geschichte. Ihr müsst dafür keine perfekten Autoren sein. Die Geschichten müssen nicht literarisch wertvoll sein. Wichtig ist nur, dass sie von Herzen kommen und das Kind auf eine kleine, beruhigende Reise mitnehmen.

Erzählt von den Abenteuern des Tages, packt sie in ein märchenhaftes Gewand und lasst das Kuscheltier die Lösung finden. Ihr werdet erstaunt sein, wie sehr sich die Kleinen darauf einlassen. Und ganz nebenbei schafft ihr wertvolle Erinnerungen, die euer Kind ein Leben lang begleiten werden.

Für uns ist die Abendroutine mit Shqiponja inzwischen heilig. Selbst wenn das Haus noch so voll ist und die Tante aus Zürich gerade eine spannende Geschichte aus ihrer Jugend erzählt – wenn es Zeit für Shqiponja ist, zieht Aron sich freiwillig zurück. Er weiss, dass jetzt seine ganz persönliche, kleine Përrallë beginnt. Und diese Gewissheit, diese Verlässlichkeit im Chaos des Alltags, das ist es, was ihm die Ruhe gibt, die er braucht.

Also, schnappt euch den Bären, den Hund oder eben den Adler und erzählt eine Geschichte. Ihr werdet sehen, es wirkt Wunder!

Bis zum nächsten Mal, Eure Drita

Drita Berisha

Drita Berisha

Winterthur

Drita, 31, Winterthur — Mama von Aron (4). Aufgewachsen zwischen zwei Kulturen, zu Hause in beiden.

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