Sonntag, halb zwölf, bei meiner Schwiegermutter. Tisch für vierzehn gedeckt, obwohl wir nur acht sind. Drei Sorten Börek, Flija im Ofen, dazu Salat und Joghurt, weil “die Kinder müssen essen”. Aron sitzt auf dem Schoss von meinem Schwiegervater und hört zu, wie die Erwachsenen über Politik reden, die Hälfte auf Albanisch, die andere Hälfte auf Deutsch, manchmal beides im selben Satz. Neben ihm auf dem Stuhl: Shqiponja. Sein Adler. Also sein Stoffadler. Braun, etwas zerknautscht, mit einem Flügel, der seit dem letzten Waschgang nicht mehr ganz gerade steht.
Meine Schwiegermutter sagt immer: “Ky fëmijë ka nevojë për më shumë mish.” Das Kind braucht mehr Fleisch. Egal, was ich koche. Egal, ob Aron gerade eine ganze Portion Reis verdrückt hat. Mehr Fleisch. Immer.
Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Aron hat mitten im Gespräch seinen Adler hochgehoben und gesagt, ganz ruhig: “Shqiponja will jetzt eine Geschichte. Auf Shqip.”
Shqip ist Albanisch. Aron nennt es Shqip, weil er das von mir hat. Vierzehn Erwachsene am Tisch, und ein Vierjähriger bestimmt, dass sein Stoffadler jetzt eine Geschichte auf Albanisch braucht.
Ich war so stolz, dass ich fast geweint hätte. Aber nur fast. Bei meiner Schwiegermutter weint man nicht. Man isst.
Wo gehört mein Kind hin?
Diese Frage kenne ich, seit Aron auf der Welt ist. Eigentlich schon länger. Seit ich selbst in Winterthur aufgewachsen bin, mit Eltern, die aus dem Kosovo kamen, als ich drei war.
In der Schule war ich “die Albanerin”. Zu Hause in Pristina bei den Verwandten war ich “die aus der Schweiz”. Zwei Schubladen, keine passte richtig. Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass ich nicht in eine passen muss. Dass ich meinen eigenen Platz bauen kann. Mit Stücken aus beiden Welten.
Jetzt bin ich Mama. Und die Frage kommt zurück, in einer neuen Version: Wo wird Aron sich zu Hause fühlen? In Winterthur, wo er in die Spielgruppe geht und “Grüezi” sagt? Oder in der albanischen Welt, mit den Familienfesten, dem Essen, der Musik, der Sprache, die seine Grosseltern sprechen?
Die Antwort, die ich gefunden habe: in beiden. Aber das passiert nicht von allein.
Përrallë heisst Märchen auf Albanisch
Ich bin mit Geschichten aufgewachsen. Mein Grossvater, Gott hab ihn selig, konnte stundenlang erzählen. Von klugen Füchsen und dummen Riesen, von mutigen Adlern und faulen Königen. Përrallë, so sagen wir Märchen. Und diese Përrallë waren nicht einfach Unterhaltung. Sie waren Verbindung. Zu einer Kultur, die ich nur aus den Ferien kannte. Zu einer Sprache, die meine Lehrerin in der Primarschule nicht verstand.
Das Problem: Mein Grossvater ist nicht mehr da. Mein Vater erzählt auch, aber seltener, und meistens endet es mit einem Monolog über den Kosovo-Krieg, was für Vierjährige eher weniger geeignet ist. Und ich? Ich bin keine geborene Geschichtenerzählerin. Ich bin Buchhalterin. Ich kann Ihnen die Mehrwertsteuer erklären, aber eine Geschichte spontan erfinden, mit Spannung und guter Pointe? Schwierig.
Deshalb suche ich nach anderen Wegen, Aron die Welt der Përrallë zu öffnen. Geschichten, die zu ihm passen. Die seine Sprache sprechen. Beide Sprachen.
Shqiponja hebt ab
Shqiponja heisst Adler auf Albanisch. Es ist auch der Adler auf der albanischen Flagge. Rot und schwarz, das kennt jedes albanische Kind. Als Aron seinen Stoffadler bekommen hat, von meinem Bruder, der fand, ein albanischer Junge braucht einen albanischen Adler, war der Name sofort klar.
Und Shqiponja ist nicht einfach ein Kuscheltier. Shqiponja ist Arons Begleiter. Beim Einkaufen, im Auto, im Bett. Und in den Geschichten, die Aron abends hört.
Da passiert etwas Schönes: Wenn Shqiponja in einer Geschichte über die Berge fliegt, ist das für Aron gleichzeitig ein Abenteuer und ein Stück Heimat. Nicht Winterthur-Heimat und nicht Kosovo-Heimat. Shqiponja-Heimat. Ein Ort, der beiden Welten gehört, weil Aron ihn selbst erschaffen hat.
Letzte Woche hat Aron eine Geschichte gehört, in der Shqiponja über einen See geflogen ist und am Ufer ein kleines Tier getroffen hat, das sich verlaufen hatte. Shqiponja hat dem Tier den Weg nach Hause gezeigt. Simpel, oder? Aber Aron hat am nächsten Tag zu mir gesagt: “Mama, Shqiponja kennt immer den Weg. Auch wenn es zwei Wege gibt.”
Vier Jahre alt. Und er versteht etwas, das ich erst mit zwanzig begriffen habe.
Albanisch ist nicht “die andere Sprache”
Ich mache einen Fehler, den viele Eltern zwischen zwei Kulturen machen: Ich habe Albanisch lange als die private Sprache behandelt. Die Sprache für zu Hause, für die Familie, für die Sonntagsessen bei der Schwiegermutter. Deutsch war die öffentliche Sprache. Spielgruppe, Einkaufen, Arztbesuche.
Das klingt logisch. Ist aber ein Problem. Weil Aron so lernt: Albanisch ist für drinnen. Deutsch ist für die echte Welt.
Geschichten haben das verändert. Wenn Shqiponja auf Albanisch Abenteuer erlebt, wird Albanisch zur Sprache, in der grosse Dinge passieren. Nicht nur “eja, ha darkën” (komm, iss dein Abendessen). Sondern Flüge über Berge, Begegnungen mit Sternschnuppen, Rettungsaktionen im Wald.
Und dann gibt es Abende, an denen Aron die Geschichte auf Deutsch will. Weil er den ganzen Tag in der Spielgruppe war und sein Kopf auf Deutsch denkt. Das ist auch gut. Shqiponja kann beides. Shqiponja ist flexibel. Wie Aron.
Meine Schwiegermutter findet natürlich, es sollte immer Albanisch sein. “Sonst vergisst er die Sprache.” Ich sage dann: “Er vergisst sie nicht. Er sammelt gerade eine zweite dazu.” Das überzeugt sie nicht. Aber sie schweigt. Das zählt.
Was ein Stoffadler kann, was ich nicht kann
Ich bin ehrlich: Ich schaffe es nicht jeden Abend, die perfekte Brücke zwischen zwei Kulturen zu bauen. Manche Abende bin ich müde, Aron ist müde, und wir schaffen gerade mal Zähneputzen und ein kurzes “mirënatën” (gute Nacht), bevor die Augen zufallen.
Aber Shqiponja ist immer da. Neben Aron im Bett. Und wenn Aron morgens aufwacht, ist das Erste, was er tut: Shqiponja hochheben und ihm erzählen, was er geträumt hat. Manchmal auf Deutsch, manchmal auf Albanisch. Der Adler beschwert sich nie über die Sprachwahl.
Das ist das Geschenk, das ein Kuscheltier einem Kind zwischen zwei Welten machen kann. Es urteilt nicht. Es bevorzugt keine Kultur. Es gehört einfach dem Kind, in der Sprache, die gerade passt. In der Welt, die gerade richtig ist. Oksana, eine ukrainische Mama in Stuttgart, erzählt eine ganz ähnliche Geschichte darüber, wie Patron ihren Kindern in einer neuen Heimat Halt gibt.
Zwei Welten, ein Adler
Letzten Freitag hat Aron im Bett gelegen, Shqiponja im Arm, und nach der Geschichte gesagt: “Mama, morgen erzähle ich Shqiponja eine Geschichte. Auf Shqip und Deutsch. Alles zusammen.”
Alles zusammen. Das ist es. Nicht die eine oder die andere Welt. Beide. Gleichzeitig. Verwoben wie die zwei Sprachen in den Sätzen meiner Familie am Sonntagstisch.
Mein Grossvater hätte das gefallen. Er hätte gesagt, auf Albanisch natürlich: “Ky djalë do të bëhet diçka e madhe.” Der Junge wird mal was Grosses. Das hat er über alle Kinder gesagt. Unterschiedslos. Aber bei Aron hätte er es gemeint.
Und Shqiponja? Fliegt weiter. Über Winterthur und über den Kosovo. Über Berge, die es in beiden Ländern gibt. Mit einem Vierjährigen, der genau weiss, dass zwei Welten nicht eine zu viel sind. Sondern genau richtig.
Fatima beschreibt in ihrem Artikel über das zweisprachige Aufwachsen mit Geschichten, warum Erzählungen die beste Brücke zwischen zwei Sprachen sind.
