Ein Maedchen hoert eine Geschichte mit ihrem Einhorn-Kuscheltier

Zweisprachig aufwachsen: Geschichten als Brücke zwischen zwei Sprachen

Fatima Yilmaz
Fatima YilmazWien

Was mich zum Nachdenken gebracht hat: Elif hat letzte Woche ihr Einhorn Sternchen ins Bett gelegt und gesagt, halb auf Deutsch, halb auf Türkisch: “Sternchen, iyi geceler, schlaf gut, rüyalar güzel olsun.” Gute Nacht, und mögen die Träume schön sein. Alles in einem Satz. Zwei Sprachen, nahtlos verwoben, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

Für sie ist es das auch.

Für mich war es ein Moment, in dem ich dachte: Wir machen etwas richtig.

Zwei Sprachen, ein Zuhause

Elif ist vier Jahre alt und wächst mit Deutsch und Türkisch auf. Deutsch spricht sie im Kindergarten, mit ihren Freundinnen, mit meinem Mann Emre, wenn wir unterwegs sind. Türkisch spricht sie mit mir, wenn wir allein sind, mit meinen Eltern in Wien, und mit meiner Schwiegermutter, wenn sie aus Istanbul anruft.

Das klingt geordnet. Ist es aber nicht immer.

Es gibt Phasen, in denen Elif fast nur Deutsch spricht, nach einem langen Kindergartentag zum Beispiel, wenn sie so in der deutschen Sprache drin ist, dass sie auch mir auf Deutsch antwortet. Und es gibt Phasen, in denen das Türkische hervorbricht, besonders nach Besuchen bei meinen Eltern oder wenn wir türkische Musik hören.

Die Sprachwissenschaftlerin Patricia Kuhl beschreibt das als “Code-Switching”, den flüssigen Wechsel zwischen zwei Sprachsystemen. Lange galt das als Zeichen von Verwirrung. Heute weiss man: Es ist das Gegenteil. Kinder, die mühelos zwischen zwei Sprachen wechseln, zeigen damit eine bemerkenswerte kognitive Flexibilität. Ihr Gehirn leistet Ausserordentliches, auch wenn es für Aussenstehende manchmal chaotisch klingt.

Trotzdem kenne ich die Zweifel. Jede zweisprachig erziehende Mama kennt sie.

Die Zweifel, die niemand ausspricht

Als Elif mit zweieinhalb im Kindergarten weniger sprach als die anderen Kinder, hat mich eine Erzieherin beiseite genommen. “Vielleicht wäre es einfacher, wenn Sie zu Hause auch Deutsch sprechen würden.” Gut gemeint. Aber dieser Satz hat sich eingebrannt.

Ich bin selbst zweisprachig aufgewachsen. Meine Eltern kamen aus der Türkei nach Wien, als ich zwei war. Zu Hause sprachen wir Türkisch, draussen Deutsch. Es war nicht immer einfach. Es gab Momente, in denen ich mich in keiner der beiden Sprachen ganz zu Hause fühlte. Zu türkisch für die Schule, zu österreichisch für die Verwandten.

Aber es hat mir auch etwas Unersetzliches gegeben: Zugang zu zwei Welten. Zu den Märchen meiner Grossmutter — Masal, so heisst Märchen auf Türkisch — und zu den Geschichten, die ich in der Bücherei entdeckte. Zwei Tonarten, in denen ich denken und fühlen konnte.

Dieses Geschenk möchte ich Elif weitergeben. Auch wenn es manchmal Mut erfordert, den eigenen Weg zu gehen.

Was die Forschung sagt

Studien zeigen, dass zweisprachig aufwachsende Kinder in den ersten Lebensjahren manchmal einen kleineren aktiven Wortschatz in jeder einzelnen Sprache haben als einsprachige Kinder. Das ist der Punkt, an dem viele Eltern, und leider auch manche Erzieherinnen, nervös werden.

Was diese Statistik verschweigt: Der Gesamtwortschatz beider Sprachen zusammen ist oft gleich gross oder sogar grösser. Das Kind kennt nicht weniger Wörter. Es kennt Wörter in zwei Systemen.

Die Psychologin Ellen Bialystok von der York University in Toronto hat über Jahrzehnte erforscht, wie Zweisprachigkeit das Gehirn beeinflusst. Ihre Ergebnisse sind eindrücklich: Zweisprachige Kinder entwickeln stärkere exekutive Funktionen, also die Fähigkeit, zwischen Aufgaben zu wechseln, Impulse zu kontrollieren und sich zu konzentrieren. Ihr Gehirn trainiert diese Fähigkeiten jeden Tag, weil es ständig entscheiden muss, welche Sprache gerade passt.

Elif trainiert ihr Gehirn also jedes Mal, wenn sie mich auf Türkisch fragt, ob sie einen Apfel haben darf, und drei Minuten später ihrer Freundin auf Deutsch erzählt, was sie im Kindergarten gemalt hat.

Das beruhigt mich. Nicht weil ich Bestätigung brauche, sondern weil es gut ist, mit Wissen gegen die Zweifel gewappnet zu sein.

Sternchen als Brücke

Und dann ist da Sternchen. Elifs Einhorn. Weiss, mit einer silbernen Mähne und einem Horn, das schon etwas schief steht, weil Elif es so oft streichelt.

Sternchen spricht beide Sprachen. Zumindest in Elifs Welt.

Wenn Elif Sternchen abends ins Bett bringt, erzählt sie ihm Geschichten. Manchmal auf Deutsch, manchmal auf Türkisch, manchmal, wie in dem Satz, mit dem ich diesen Text begonnen habe, in beiden gleichzeitig. Sternchen beschwert sich nie. Sternchen versteht immer.

Mir ist dabei etwas aufgefallen: Die Geschichten, die Elif mit Sternchen erlebt, sind ein Raum, in dem beide Sprachen gleichberechtigt existieren. Kein Kindergarten, in dem nur Deutsch gilt. Kein Telefonat mit der Grossmutter, bei dem nur Türkisch erwartet wird. In Sternchens Abenteuern darf alles sein.

Elif hat neulich eine Geschichte erzählt, in der Sternchen in einen Wald geritten ist, einen “Zauberwald”, wie sie sagte, und dort ein kleines Tier getroffen hat, das nur Türkisch sprach. Sternchen hat dem Tier geholfen, auch Deutsch zu lernen. “Weil man braucht beides, Mama”, hat Elif erklärt. “Sonst versteht man die halbe Welt nicht.”

Sie ist vier. Und sie hat etwas verstanden, woran sich Erwachsene die Zähne ausbeissen.

Geschichten als Sprachbrücke: warum sie funktionieren

Es gibt einen Grund, warum Geschichten so gut funktionieren, wenn Kinder zwei Sprachen lernen. Geschichten binden Sprache an Emotionen. Und Emotionen sind der stärkste Anker für Erinnerungen, auch für sprachliche.

Wenn Elif eine Geschichte über Sternchen auf Türkisch hört, verknüpft sie die türkischen Wörter nicht mit einer abstrakten Lektion, sondern mit dem warmen Gefühl, abends im Bett zu liegen, ihr Einhorn im Arm, und eine Geschichte zu hören, die nur für sie erzählt wird. Das ist mächtiger als jede Vokabelkarte.

Dasselbe gilt für Deutsch. Geschichten, in denen Sternchen vorkommt, ihr Sternchen, mit der schiefen Mähne und dem wackeligen Horn, schaffen eine emotionale Verbindung, die Sprache lebendig macht.

Ich nutze das ganz bewusst. An manchen Abenden erzähle ich auf Türkisch. An anderen auf Deutsch. Und manchmal mischen wir, so wie Elif es selbst tut. Ich achte darauf, dass beide Sprachen mit positiven Erlebnissen verbunden sind. Dass Türkisch nicht nur die Sprache ist, die man am Telefon mit der Grossmutter spricht, sondern auch die Sprache, in der magische Dinge passieren.

Was ich anderen zweisprachigen Familien mitgeben möchte

Erstens: Lasst euch nicht verunsichern. Nicht von Erzieherinnen, nicht von Nachbarn, nicht von dem leisen Zweifel in euch selbst. Zweisprachigkeit ist kein Problem, das man lösen muss. Es ist ein Geschenk, das man pflegen darf.

Zweitens: Geschichten sind euer mächtigstes Werkzeug. Erzählt in beiden Sprachen. Lest vor in beiden Sprachen. Lasst eure Kinder Geschichten mit ihren Kuscheltieren erleben, in der Sprache, die gerade passt. Das Kuscheltier urteilt nicht. Es ist einfach da und hört zu.

Drittens: Gebt beiden Sprachen emotionale Ankerpunkte. Nicht nur Alltagssprache, sondern Geschichten, Lieder, Rituale. Türkisch ist für Elif nicht “Mamas andere Sprache”. Es ist die Sprache, in der Sternchen fliegen kann. Das macht einen Unterschied.

Übrigens: Wir sind nicht die einzige Familie, die Geschichten als Brücke zwischen zwei Welten nutzt. Oksana erzählt, wie Patron ihren Kindern beim Ankommen in einer neuen Heimat hilft, und Drita beschreibt, wie ihr Sohn Aron zwischen Albanisch und Deutsch seinen eigenen Platz findet. Warum Kuscheltiere in all diesen Geschichten so eine zentrale Rolle spielen, habe ich in meinem Artikel über die Forschung zur Magie der Kuscheltiere zusammengefasst.

Ein Satz, der mich nicht loslässt

Elif hat letzten Sonntag zu meiner Mutter gesagt, auf Türkisch, fliessend, ohne zu zögern: “Büyükanne, Sternchen ve ben bugün bir maceraya çıktık.” Grossmutter, Sternchen und ich haben heute ein Abenteuer erlebt.

Meine Mutter hat gelächelt. Dieses Lächeln, das sagt: Die Sprache lebt weiter.

Für mich ist das alles, was zählt.

Fatima Yilmaz

Fatima Yilmaz

Wien

Fatima, 29, Wien — Mama von Elif (4). Zweisprachig erziehend, bildungsbegeistert, Einhorn-Sternchen-Fan.

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