Der Plüschhund Patron liegt auf einem Kinderbett zwischen deutschen und ukrainischen Büchern, warmes Licht der Nachttischlampe

Wenn Patron zweisprachig träumt: Wie ein Kuscheltier Brücken zwischen Sprachen baut

Oksana Kovalenko
Oksana KovalenkoStuttgart

Taras, mein Fünfjähriger, hat mir gestern eine Frage gestellt, die mich zum Nachdenken brachte. Wir sassen auf seinem Bett, Patron, der weisse Stoffhund mit den braunen Flecken, zwischen uns. Draussen wurde es dunkel, in Stuttgart regnete es leise. “Mama”, sagte Taras auf Ukrainisch, “warum spricht Patron manchmal Deutsch?”

Die Frage kam nicht aus dem Nichts. Seit wir vor einem Jahr hier angekommen sind, hat sich unser Leben in zwei Sprachen aufgeteilt. Morgens im Kindergarten hört Taras Deutsch, abends zu Hause sprechen wir Ukrainisch. Dazwischen gibt es diese seltsamen, schönen Mischmomente, in denen alles durcheinanderfliesst. Und Patron, sein treuer Begleiter seit dem ersten Tag in Deutschland, ist mittendrin.

Ich habe Taras angeschaut und überlegt, wie ich es erklären soll. Dann habe ich einfach die Wahrheit gesagt: “Weil Patron für dich da ist. Und weil er dir helfen will, beide Sprachen zu verstehen.”

Kazka – das ukrainische Wort für Märchen

Auf Ukrainisch heisst Märchen “Kazka”. Meine Grossmutter hat mir als Kind Kazkas erzählt, Geschichten von klugen Füchsen, mutigen Hasen und dem grossen, weisen Wald. Diese Geschichten waren meine erste Heimat, lange bevor ich wusste, was das Wort “Heimat” überhaupt bedeutet. Als wir die Ukraine verlassen mussten, habe ich mir geschworen, diese Kazkas an meine Kinder weiterzugeben. Aber wie macht man das, wenn die neue Umgebung eine andere Sprache spricht?

Die ersten Monate waren hart. Taras weinte manchmal nachts, weil er sich nach seinem alten Zimmer sehnte. Sofija, jetzt drei, sprach kaum. Sie schien in ihrer eigenen Welt zu leben, zwischen zwei Sprachen, die sie beide nicht richtig verstand. Ich versuchte, deutsche Kinderbücher vorzulesen, stolperte über die Wörter, korrigierte mich selbst. Taras hörte geduldig zu, aber ich sah, wie seine Augen manchmal abschweiften. Die Geschichten klangen fremd. Sie klangen nicht nach Zuhause.

Bis ich eines Abends etwas ausprobierte. Ich nahm Patron, setzte ihn auf mein Schoss und sagte zu Taras: “Heute erzähle ich dir eine Geschichte über Patron. Auf Deutsch. Aber wenn du ein Wort nicht verstehst, sagen wir es auf Ukrainisch dazu.”

Und so begann es. Eine einfache Geschichte über Patron, der im Park einen verlorenen Handschuh findet. “Patron sieht einen Handschuh”, sagte ich auf Deutsch. “Er ist blau. Blau – das heisst ‘synij’ auf Ukrainisch.” Taras’ Augen leuchteten. Plötzlich war Deutsch nicht mehr die fremde Sprache der Erwachsenen und Formulare. Es war die Sprache, in der sein bester Freund Abenteuer erlebte.

Die Magie der personalisierten Geschichten

Eine Freundin aus dem Sprachkurs erzählte mir später von Märchenzauber. “Du machst ein Foto vom Kuscheltier”, sagte sie, “und die App gestaltet eine Geschichte, in der genau dieses Kuscheltier der Held ist.” Ich war skeptisch. Eine App? Würde das funktionieren? Würde es diese besondere, zweisprachige Brücke schlagen, die ich suchte?

Ich probierte es aus. Ein Foto von Patron, aufgenommen auf Taras’ Bett, mit seinem blauen Kissen im Hintergrund. Eine kurze Beschreibung: “Patron ist ein Hund aus der Ukraine. Er lebt jetzt in Deutschland und hilft den Kindern, die neue Sprache zu lernen.” Dann liess ich Märchenzauber arbeiten.

Was zurückkam, hat mich fast zu Tränen gerührt. Es war eine Geschichte über Patron, der im Garten auf Entdeckungsreise geht. Jede Seite zeigte ihn in einer anderen Situation – beim Blumen giessen, beim Verstecken spielen, beim Träumen unter dem Sternenhimmel. Die Sätze waren einfach, klar, perfekt für Taras’ Deutschkenntnisse. Aber die Atmosphäre war warm und vertraut, wie die Kazkas meiner Grossmutter.

Ich setzte mich mit Taras hin und las die Geschichte vor. Auf Deutsch. Aber diesmal stockte ich nicht, korrigierte mich nicht. Die Worte flossen. Taras hörte gebannt zu, sein Finger folgte den Bildern auf dem Bildschirm. Als ich fertig war, sah er mich an und sagte: “Mama, Patron spricht gut Deutsch, oder?”

Ja, dachte ich. Und er bringt es dir bei.

Wie aus einem Spiel eine Brücke wird

Seit diesem Abend haben wir ein neues Ritual. Zweimal pro Woche machen wir ein neues Foto von Patron – manchmal mit einem deutschen Kinderbuch, manchmal mit einem ukrainischen Stickerei-Kissen im Hintergrund. Dann lassen wir Märchenzauber eine neue Geschichte gestalten. Jede Geschichte hat ein Thema: “Patron geht einkaufen” (Lebensmittel auf Deutsch lernen), “Patron besucht den Zoo” (Tiernamen), “Patron feiert Weihnachten” (deutsche Traditionen).

Aber das Wichtigste passiert nach dem Vorlesen. Taras und ich setzen uns zusammen und übersetzen die Geschichte. Satz für Satz. “Patron findet einen Apfel”, lese ich. “Was heisst Apfel auf Ukrainisch?”, frage ich. “Jabluko!”, ruft Taras. Wir schreiben das ukrainische Wort daneben, malen einen kleinen Apfel an den Rand. Aus einer deutschen Geschichte wird ein zweisprachiges Lernabenteuer.

Sofija, die bisher kaum sprach, fängt an, Wörter zu wiederholen. Sie zeigt auf Patron auf dem Bildschirm und sagt: “Hund! Sobaka!” – erst Deutsch, dann Ukrainisch. Sie versteht, dass es zwei Wörter für dieselbe Sache geben kann. Dass beide richtig sind. Dass beide zu Hause gehören.

Warum Kuscheltiere perfekte Sprachlehrer sind

Ich habe lange überlegt, warum das mit Patron so gut funktioniert. Warum fällt es Taras leichter, Deutsch von einem Stoffhund zu lernen als von mir? Ich glaube, es hat mit Sicherheit zu tun. Mit Unvoreingenommenheit.

Wenn ich ein deutsches Wort falsch ausspreche, merkt Taras das sofort. Er korrigiert mich nicht, aber ich sehe sein leichtes Stirnrunzeln. Patron macht keine Fehler. Patron spricht das Deutsch der Geschichte, klar und einfach. Für Taras ist Patron ein Freund, kein Lehrer. Und von einem Freund nimmt man Dinge leichter an.

Ausserdem bleibt die Emotion erhalten. Die Geschichten, die Märchenzauber gestaltet, sind nicht nur Vokabellisten. Sie sind kleine Abenteuer, in denen Patron mutig ist, hilfsbereit, neugierig. Taras identifiziert sich mit ihm. Wenn Patron auf Deutsch sagt “Ich habe keine Angst”, dann denkt Taras: “Ich auch nicht.” Die Sprache wird mit positiven Gefühlen verknüpft – mit Mut, Abenteuer, Geborgenheit.

Zweisprachig aufwachsen ist mehr als zwei Sprachen sprechen. Es ist zwei Welten in sich tragen. Fatima hat das in ihrem wunderbaren Beitrag schon beschrieben. Für mich als Mutter, die ihre Kinder in einem neuen Land grosszieht, ist es die grösste Herausforderung und das grösste Geschenk zugleich.

Eine neue Art, Heimat zu definieren

Vor einem Jahr dachte ich, Heimat sei ein Ort. Das Haus in Charkiw, der Garten meiner Eltern, der vertraute Geruch nach Lindenblüten im Sommer. Heute weiss ich: Heimat ist auch eine Sprache. Oder besser: mehrere Sprachen. Heimat ist das Gefühl, dass man dazugehört, egal welche Wörter man verwendet.

Patron, der Stoffhund, der mit uns aus der Ukraine gekommen ist, hilft meinen Kindern, in Deutschland anzukommen, ohne die Ukraine zu verlassen. Die Geschichten, die beim Ankommen helfen, haben wir schon erlebt. Jetzt geht es einen Schritt weiter: Jetzt bauen wir Brücken.

Manchmal, wenn Taras abends einschläft, Patron im Arm, flüstere ich ihm etwas auf Ukrainisch zu. “Dobranitsch, synku. Gut Nacht, mein Sohn.” Er lächelt im Schlaf. Ich weiss, dass er beide Sätze versteht.

Für andere Eltern, die zwischen Sprachen balancieren

Wenn ihr auch in einem zweisprachigen Haushalt lebt – ob durch Migration, durch gemischte Partnerschaften oder einfach durch den Wunsch, euren Kindern mehr mitzugeben – dann kann ich euch eines raten: Nutzt die Kuscheltiere. Sie sind die geduldigsten, einfühlsamsten Sprachlehrer, die ihr finden könnt.

Macht Fotos von ihnen. Erzählt Geschichten mit ihnen. Lasst sie in beiden Sprachen Abenteuer erleben. Vorlesen mit Enkeln verbindet Generationen, hat Claudia so schön geschrieben. Vorlesen mit Kuscheltieren verbindet Welten.

Und wenn ihr wie ich manchmal unsicher seid, ob ihr das richtige Wort verwendet, ob die Balance stimmt, ob ihr genug von der einen oder anderen Sprache gebt – dann erinnert euch an Patron. Der weiss auch nicht immer, ob er jetzt auf Deutsch oder Ukrainisch träumen soll. Aber er träumt trotzdem. Und die Träume werden schön.

Oksana Kovalenko

Oksana Kovalenko

Stuttgart

Oksana, 33, Stuttgart — Mama von Taras (5) und Sofija (3). Aus Charkiw nach Deutschland gekommen, baut hier ein neues Zuhause auf.

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