Hase Schnuffel lugt mutig unter dem Kinderbett hervor

Wenn das Monster unter dem Bett Hase Schnuffel zum Kuscheln braucht

Sarah Koch
Sarah KochBerlin

Ich stand also da, mit einer frisch gebrühten Tasse Kaffee in der Hand, die ich eigentlich schon vor zwei Stunden trinken wollte, als ein durchdringender Schrei durch das Haus hallte. Mila, meine wunderbare und manchmal herrlich theatralische Fünfjährige, rannte den Flur hinunter. Sie wirbelte direkt in meine Arme und verkündete völlig atemlos: “Mama, das Monster unter dem Bett hat kalte Füsse!”

Kennt ihr das auch? Dieser Moment am Abend, wenn man eigentlich nur noch aufs Sofa fallen möchte, aber plötzlich zum Chefdiplomaten in einer völlig absurden Krise befördert wird. Theo (2) krabbelte derweil seelenruhig in der Küche herum und versuchte, Dino Rex mit einem Stück Banane zu füttern. Mein Chaos war perfekt.

Ich nahm Mila auf den Arm, ignorierte den kalten Kaffee und trug sie zurück in ihr Zimmer. Da lag er auf dem Teppich, ihr geliebter Hase Schnuffel, mit einem Ohr nach oben geknickt, als würde er dem unsichtbaren Monster gerade sehr genau zuhören. “Das Monster”, erklärte mir Mila mit todernster Miene, “kann heute nicht schlafen, weil es Angst im Dunkeln hat. Und Hase Schnuffel muss bei ihm bleiben.”

Das war ein klassischer Moment, in dem alle Erziehungsratgeber versagen. Man kann einem fünfjährigen Kind nicht mit Logik kommen. “Es gibt keine Monster” ist ein Satz, der in solchen Situationen absolut gar nichts bringt. Stattdessen musste ich improvisieren.

Ich habe mich auf den Boden gesetzt, genau neben Hase Schnuffel, und in die dunkle Höhle unter dem Bett geschaut. Es ist schon faszinierend, wie Kuscheltiere in solchen Momenten als Vermittler fungieren. Schnuffel war nicht mehr nur ein Stück Stoff, er war der tapfere Beschützer und Therapeut für ein frierendes Monster.

Wir haben dann gemeinsam beschlossen, dass das Monster eine Decke braucht. Ich holte eine kleine Wolldecke, wir breiteten sie sorgfältig unter dem Bett aus und legten Hase Schnuffel sanft daneben. Mila redete leise und tröstend auf ihr Kuscheltier ein. Sie erklärte ihm, dass er gut aufpassen müsse, weil das Monster doch noch so klein sei. Es war unglaublich rührend zu sehen, wie sie ihre eigene Unsicherheit vor dem Einschlafen auf diese unsichtbare Figur übertrug und gleichzeitig durch die Rolle der Beschützerin selbst stark wurde.

Falls ihr selbst gerade mit solchen abendlichen Verweigerungen kämpft, weiss ich genau, wie ihr euch fühlt. Es ist oft kräftezehrend. Einmal habe ich ein paar Gedanken dazu aufgeschrieben, wie man mit diesen Situationen umgehen kann, als Theo gar nicht mehr zur Ruhe kommen wollte. Den Beitrag findet ihr hier: Kind will nicht schlafen: unsere Erfahrungen. Manchmal hilft es einfach zu wissen, dass man mit diesen Herausforderungen nicht alleine am Rand des Wahnsinns steht.

Zurück zu unserem Monsterproblem. Nachdem Schnuffel in Position gebracht war, kletterte Mila beruhigt in ihr Bett. Aber das Drama war natürlich noch nicht ganz vorbei. Theo tapste plötzlich ins Zimmer, Dino Rex fest unter den Arm geklemmt, und wollte sich das Spektakel ansehen. Er zog an der Decke unter dem Bett, was sofort zu lautstarken Protesten von Mila führte. “Theo, du weckst das Monster!”

Solche Konflikte zwischen Geschwistern sind bei uns an der Tagesordnung. Kuscheltiere sind da oft der Auslöser, aber kurioserweise auch die Lösung. Wie Dino Rex und Hase Schnuffel uns oft beim Schlichten helfen, habe ich in einem anderen Artikel über unseren Geschwister-Alltag und das Streitschlichten beschrieben. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen, ein ewiges Verhandeln im Kinderzimmer.

An diesem Abend schaffte Dino Rex es, die Situation zu retten, indem er eine “Bewacher-Rolle” am Fussende von Milas Bett übernahm. Theo war glücklich, weil sein Dino eine wichtige Aufgabe hatte, und Mila war glücklich, weil sie doppelt beschützt wurde: einmal von unten und einmal von oben.

Und dann passierte Folgendes: Es wurde still. Eine fast schon unheimliche Stille breitete sich im Zimmer aus. Mila atmete schwer und gleichmässig, ihre Augen waren geschlossen. Theo saß auf dem Teppich und blinzelte müde in Richtung des Dino Rex. Es sind diese magischen Momente, die mich den kalten Kaffee und das Chaos des Tages sofort vergessen lassen.

Ich schlich mich aus dem Zimmer, liess die Tür einen Spalt offen und atmete tief durch. Das Monster schlief, Schnuffel hielt Wache und Dino Rex beschützte den Raum.

Es ist doch verrückt, wie viel Kraft und Sicherheit unsere Kinder aus diesen kleinen Gefährten ziehen. Sie sind Tröster, Beschützer, Vermittler und manchmal sogar Therapeuten für unsichtbare Kreaturen unter dem Bett. In unserer modernen, lauten Welt, in der alles immer so schnelllebiger wird, bleibt diese eine Konstante: Die Fantasie unserer Kinder, getragen von einem Stoffhasen oder einem Plüschdino, ist die stärkste Kraft überhaupt.

Spoiler: Es hat funktioniert. Irgendwie. Beide Kinder haben an diesem Abend ohne weitere Unterbrechungen durchgeschlafen. Und als ich am nächsten Morgen unter das Bett schaute, lag Hase Schnuffel immer noch treu auf seiner Decke. Das Monster hatte wohl kalte Füsse, aber zumindest kein Heimweh mehr.

Vielleicht probiert ihr es das nächste Mal auch aus, wenn es abends wieder turbulent wird. Lasst das Lieblingskuscheltier eurer Kinder die Verhandlungen übernehmen. Ihr werdet erstaunt sein, wie gut diese flauschigen Diplomaten arbeiten. Ich werde mir jetzt jedenfalls endlich meinen Kaffee machen und hoffen, dass heute Abend kein Dinosaurier mit Bauchschmerzen vor der Tür steht.

Sarah Koch

Sarah Koch

Berlin

Sarah, 38, Berlin — Mama von Mila (5) und Theo (2). Immer ein Buch in der Hand, immer ein Kaffeefleck auf dem Shirt.

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