Plüschhund Patron sitzt im warmen Licht einer Nachttischlampe auf dem Bett

Wenn alles neu ist: 4 Abendrituale, die Kindern Sicherheit geben

Oksana Kovalenko
Oksana KovalenkoStuttgart

Als wir nach Stuttgart kamen, war für Taras und Sofija plötzlich die ganze Welt auf den Kopf gestellt. Der Kindergarten sah anders aus, die Menschen auf der Strasse sprachen eine andere Sprache und unser neues Wohnzimmer hatte noch nicht den Geruch, den sie aus Charkiw kannten. Kinder sind erstaunlich anpassungsfähig, aber all diese neuen Eindrücke fordern ihren Tribut. Besonders am Abend, wenn die Müdigkeit kommt, brechen oft die Emotionen des Tages heraus.

Taras fragte mich gestern Abend kurz vor dem Einschlafen, ob unser neues Zuhause jetzt für immer bleibt. In solchen Momenten merke ich, wie sehr unsere Kinder einen sicheren Hafen brauchen. Wenn die Welt um sie herum laut und unbekannt ist, muss ihr kleines Universum am Abend leise und berechenbar sein.

In den letzten Monaten haben wir gelernt, wie wichtig feste Abläufe sind. Rituale sind für Kinder wie kleine Geländer, an denen sie sich im Dunkeln festhalten können. Sie signalisieren dem Gehirn, dass der Tag nun endet und alles sicher ist. Hier sind vier Dinge, die uns geholfen haben, abends wieder Ruhe in unser neues Leben zu bringen.

1. Der vertraute Anker

Wenn alles um einen herum fremd ist, braucht man etwas Vertrautes zum Festhalten. Für Taras ist das sein Plüschhund Patron. In Charkiw hatten wir ihn gekauft, kurz bevor alles anders wurde. Seitdem weicht Patron nicht von seiner Seite. Er begleitet ihn in den Kindergarten, sitzt beim Frühstück am Tisch und hat natürlich seinen festen Platz im Bett.

Ich habe gelernt, dass Kuscheltiere für Kinder viel mehr sind als nur Spielzeug. Sie sind Vertraute, Beschützer und manchmal auch Übersetzer für Gefühle, die Kinder selbst noch nicht benennen können. Wer mehr darüber erfahren möchte, findet in unserem Magazin einen wunderbaren Beitrag darüber, warum Kuscheltiere so wichtig sind. Patron gibt Taras ein Stück Kontinuität. Egal, in welchem Bett er schläft, solange Patron da ist, ist ein Stück Heimat bei ihm.

2. Der sanfte Sprachwechsel

Der Alltag im Stuttgarter Kindergarten ist für meine beiden sehr anstrengend. Acht Stunden am Tag hören sie eine Sprache, die sie erst noch entschlüsseln müssen. Das erfordert unglaublich viel Konzentration. Deshalb haben wir ein ganz bewusstes Sprachritual für den Abend eingeführt.

Sobald wir das Kinderzimmer betreten und das kleine warme Nachtlicht einschalten, bleibt die deutsche Sprache draussen. Wir sprechen dann nur noch Ukrainisch. Ich frage sie nach ihrem Tag, wir singen ukrainische Schlaflieder und ich erzähle ihnen eine Kazka. So heisst Märchen auf Ukrainisch. Dieser bewusste Wechsel ist wie ein tiefes Aufatmen für die beiden. Es ist eine Erlaubnis, den anstrengenden Teil des Tages loszulassen. Für Familien in ähnlichen Situationen kann ich unseren Artikel über Geschichten die ankommen helfen sehr empfehlen. Er zeigt schön, wie Muttersprache und neue Sprache Platz nebeneinander finden können.

3. Eine absolut berechenbare Reihenfolge

Chaos im Aussen erfordert absolute Struktur im Innen. Unsere Abendroutine gleicht mittlerweile einem strengen Fahrplan, aber genau das gibt den Kindern Halt. Zuerst Zähneputzen, dann Schlafanzug anziehen, danach genau fünf Minuten kuscheln und über den Tag sprechen, anschliessend eine Geschichte vorlesen und schliesslich das Schlaflied singen.

Diese Vorhersehbarkeit nimmt den Kindern die Angst vor Überraschungen. Sie wissen exakt, was als Nächstes passiert. In der ersten Zeit hier in Deutschland war das Zubettgehen oft ein stundenlanger Kampf. Alles war unruhig. Durch diese strikte, aber liebevolle Reihenfolge haben wir wieder entspannte Abende. Weitere hilfreiche Ansätze für unruhige Abende haben wir in unseren Tipps zum Einschlafen zusammengetragen. Es dauert manchmal Wochen, bis eine Routine wirklich greift, aber die Geduld zahlt sich aus.

4. Der Held der Nacht

Das schönste Ritual haben wir ganz am Ende eingeführt. Es ist der Moment, in dem Patron nicht nur ein Kuscheltier, sondern der Held einer ganz besonderen Geschichte wird. Wenn Taras im Bett liegt und Patron im Arm hält, erzähle ich eine personalisierte Gute-Nacht-Geschichte von Märchenzauber.

In dieser Geschichte ist Patron der mutige Entdecker, der vielleicht anfangs auch ein bisschen Respekt vor einem grossen, unbekannten Wald hat. Er findet neue Freunde, meistert kleine Herausforderungen und merkt am Ende, dass das Neue gar nicht so bedrohlich ist. Taras hört dabei fasziniert zu. Er identifiziert sich mit seinem Hund. Wenn Patron mutig sein kann, dann kann Taras das am nächsten Tag im Kindergarten auch. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese Geschichten das Selbstbewusstsein stärken. Sie geben ihm die Worte und Bilder, die er braucht, um seine eigenen kleinen Heldentaten im echten Leben zu vollbringen.

Ein neues Land, eine neue Wohnung und eine fremde Sprache sind eine gewaltige Aufgabe für kleine Kinderseelen. Wir können ihnen die Welt da draussen nicht abnehmen, aber wir können ihnen am Abend einen Raum schaffen, in dem sie ganz sie selbst sein dürfen. Ein Raum mit einem warmen Licht, einer vertrauten Stimme und einem treuen Kuscheltier, das immer für sie da ist.

Oksana Kovalenko

Oksana Kovalenko

Stuttgart

Oksana, 33, Stuttgart — Mama von Taras (5) und Sofija (3). Aus Charkiw nach Deutschland gekommen, baut hier ein neues Zuhause auf.

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