Neulich, als Liam bei mir übernachtet hat, stand ich wieder vor dieser vertrauten Situation. Es war Zeit fürs Bett. Das Nachtessen war gegessen, die Zähne geputzt, und der kleine Liam lag eingekuschelt in den weichen Decken. An seiner Seite, fest in den Arm geschlossen, lag sein treuer Begleiter: der Fuchs Seefa.
Ich setzte mich an den Rand des Bettes, strich ihm sanft über das Haar und fragte: «Also, Liam, welches Buch lesen wir heute Abend? Wollen wir die Geschichte vom mutigen Drachen hören, der den Mond sucht? Oder vielleicht die vom kleinen Bären, der seinen Honig verloren hat?»
Liam schüttelte energisch den Kopf. Seine kleinen Finger krallten sich noch etwas fester in den weichen Stoff von Seefa. «Nein, Grossmutter», sagte er mit einer Entschlossenheit, die nur Dreijährige an den Tag legen können. «Die Geschichte von Seefa im grossen Wald. Die mit dem Zauberstein.»
Ich musste schmunzeln. Genau diese Geschichte hatten wir am Abend zuvor gelesen. Und am Abend davor. Und, wenn ich mich recht erinnere, auch bei seinem letzten Besuch vor zwei Wochen.
Früher hatten wir vielleicht nicht diese riesige Auswahl an bunt illustrierten Büchern und personalisierten Geschichten, aber auch damals war es nicht anders. Meine eigenen Kinder wollten Abend für Abend dasselbe Märchen hören, bis das Buch fast auseinanderfiel. Ich muss gestehen, manchmal dachte ich früher, ob das nicht schrecklich langweilig für die Kleinen sein muss. Doch heute betrachte ich das mit anderen Augen.
Warum also wollen unsere Enkelkinder immer wieder dieselben Geschichten hören? Warum wird es ihnen nicht langweilig, wenn sie den Ausgang der Erzählung schon längst kennen?
Es geht um Sicherheit und Geborgenheit. Die Welt eines dreijährigen Kindes ist unglaublich gross, bunt und oft auch ein wenig unberechenbar. Jeden Tag lernen sie neue Wörter, entdecken unbekannte Dinge und müssen sich in Situationen zurechtfinden, die sie noch nicht ganz verstehen. Das ist anstrengend.
Am Abend, wenn der Tag zur Ruhe kommt, suchen sie nach etwas Verlässlichem. Eine Geschichte, die sie bereits kennen, bietet genau diese Verlässlichkeit. Liam weiss genau, dass Seefa im grossen Wald am Anfang ein bisschen Angst hat. Er weiss, dass der kleine Fuchs den leuchtenden Zauberstein finden wird. Und er weiss ganz sicher, dass am Ende alles gut ausgeht. Diese Vorhersehbarkeit ist wie ein warmer, kuscheliger Mantel, den er sich überziehen kann.
Besonders schön ist es zu beobachten, wie der Fuchs Seefa dabei zum Helden wird. In der Geschichte ist es der flauschige Begleiter aus dem echten Leben, der Abenteuer erlebt und Herausforderungen meistert. Wenn Liam dann in der Geschichte hört, wie mutig sein Seefa ist, gibt ihm das Kraft. Der kleine Plüschfuchs wird zu einem Anker in der Geschichte und in der Realität.
Ich denke oft an die Momente zurück, in denen ich mit meinen Enkeln vorlese. Es ist diese ungeteilte Aufmerksamkeit, die wir uns in diesen Minuten schenken. Das gemeinsame Abtauchen in eine vertraute Welt schafft eine Verbindung, die schwer in Worte zu fassen ist. Es ist ein ruhiger Hafen in einer schnelllebigen Welt.
Zudem lernen Kinder durch die Wiederholung unglaublich viel. Sie verinnerlichen den Rhythmus der Sprache, prägen sich neue Wörter ein und verstehen mit jedem Vorlesen die Zusammenhänge der Geschichte besser. Manchmal beobachte ich, wie Liams Lippen sich lautlos mitbewegen, wenn wir an seine Lieblingsstellen kommen. Er spricht die Sätze mit, weil er sie auswendig kennt. Das gibt ihm ein Gefühl von Kompetenz. Er weiss, was kommt, und er ist stolz darauf.
Ein weiterer Aspekt, der mich immer wieder fasziniert, ist, wie diese abendlichen Rituale beim Übernachten bei der Grossmutter helfen. Wenn Liam bei mir ist, ist vieles anders als zu Hause. Das Bett riecht anders, die Geräusche im Haus sind fremd. Aber die Geschichte von Seefa und der Zauberstein, die wir gemeinsam lesen, ist ein vertrautes Stück Zuhause. Es ist ein Ritual, das wir miteinander teilen und das ihm hilft, die Brücke zwischen seinem vertrauten Zuhause und der neuen Umgebung bei mir zu schlagen.
Was für eine schöne Zeit wir doch haben, wenn wir diese Momente teilen dürfen. Früher dachte ich oft daran, möglichst viele verschiedene Geschichten vorzulesen, um die Fantasie anzuregen. Heute weiss ich, dass die Tiefe einer vertrauten Geschichte genauso wertvoll ist. Sie ist ein Rückzugsort, ein verlässlicher Freund am Ende eines langen Tages.
Als wir an diesem Abend die Geschichte von Seefa und dem Zauberstein zu Ende gelesen hatten, fielen Liams Augen bereits zu. Er atmete ruhig und tief. Seefa lag noch immer fest in seinem Arm.
«Gute Nacht, kleiner Liam», flüsterte ich und deckte ihn zu. «Und gute Nacht, mutiger Seefa.»
Vielleicht werden wir die Geschichte vom mutigen Drachen oder dem kleinen Bären irgendwann lesen. Vielleicht auch nicht. Solange die Geschichte von Seefa ihm diese tiefe Ruhe und Zufriedenheit schenkt, werde ich sie ihm auch noch zum hundertsten Mal vorlesen. Und ich werde es jedes Mal wieder von ganzem Herzen geniessen.
