Neulich, als Liam bei mir übernachtet hat, sass er auf meinem Schoss, sein Fuchs Seefa unter dem einen Arm, das Bilderbuch unter dem anderen, und sagte mit seiner kleinen, bestimmten Stimme: Grossmueti, nochmal die vom Fuchs. Und ich habe die Geschichte nochmal vorgelesen. Und dann nochmal. Und dann, weil es schon spät war und seine Augen ganz schwer wurden, nochmal.
Ich bin einundsechzig Jahre alt, und ich kann sagen: Es gibt wenige Dinge im Leben, die so vollkommen sind wie dieser Moment. Ein warmes Kind auf dem Schoss, ein Buch in der Hand, und das Gefühl, dass die Welt für einen Augenblick ganz still steht.
Meine eigene Vorlesezeit
Wenn ich an meine Kindheit denke, und mit einundsechzig denke ich öfter daran als früher, dann sind es vor allem die Abende, die geblieben sind. Meine Mutter hatte eine Ausgabe von Grimms Märchen, ein dickes Buch mit Leineneinband, das auf dem Nachttisch stand. Jeden Abend eine Geschichte. Manchmal hat sie vorgelesen, manchmal hat sie frei erzählt. Die Stimme meiner Mutter, warm und ruhig, ist eines meiner ältesten Erinnerungen.
Wir hatten kein Fernsehen damals, keine Kassetten am Anfang, nichts. Nur Bücher und die Stimme meiner Mutter. Und dieses Buch, ich habe es noch, es steht jetzt in meinem Bücherregal in Bern, mit einem Riss im Rücken und dem Kaffeefleck auf Seite dreiundzwanzig, dieses Buch hat mir beigebracht, was Geschichten können. Sie können eine Welt erschaffen, die grösser ist als das Kinderzimmer. Sie können Angst nehmen und Mut geben. Und sie können zwei Menschen miteinander verbinden, die auf demselben Stuhl sitzen.
Vorlesen als junge Mutter
Als meine eigenen Kinder klein waren, das war in den Neunzigern, Thomas und Andrea, beide inzwischen erwachsen mit eigenen Leben, habe ich versucht, diese Tradition weiterzutragen. Jim Knopf, Oh, wie schön ist Panama, Die kleine Hexe. Bücher, die ich manchmal mehr genossen habe als meine Kinder.
Ich erinnere mich an Abende, an denen Thomas sich weigerte einzuschlafen, wenn wir nicht noch ein Kapitel gelesen hatten. Und an Abende, an denen Andrea so aufgeregt von einem Buch erzählte, dass sie die Geschichte vor dem Vorlesen schon zusammenfasste. Mama, die Hexe macht nachher was ganz Tolles, aber du musst selber lesen, ich sag’s nicht!
Es war nicht immer einfach. Aber das Vorlesen war heilig. Auch wenn das Nachtessen noch nicht abgeräumt war, auch wenn die Wäsche sich türmte. Die Geschichtenzeit war unsere Zeit.
Die Enkel-Generation
Und jetzt ist Liam da. Drei Jahre alt, mit blonden Locken und einer Begeisterungsfähigkeit, die mich jeden Tag staunt. Liam ist das Kind meiner Tochter Andrea, und wenn er bei mir übernachtet, meistens am Freitagabend, unser Grossmueti-Tag, dann gehört das Vorlesen dazu wie die Guetzli zum Nachtessen.
Aber es ist anders als damals. Nicht schlechter, nicht besser. Einfach anders.
Liam wächst in einer Welt auf, die voller Bilder und Geschichten ist. Er kennt Hörbücher, Videos, Geschichten auf dem Tablet. Früher hatten wir das Buch und die Stimme der Eltern. Das war alles. Heute ist es eines von vielen Angeboten.
Und trotzdem: Wenn ich Liam vorlese und er auf meinem Schoss sitzt, spüre ich, dass sich an der Grundlage nichts geändert hat. Es geht nicht um das Medium. Es geht um die Nähe.
Was Geschichten können
Ich habe mich lange gefragt, warum das Vorlesen so besonders ist. Warum nicht einfach zusammen spielen, zusammen backen, zusammen spazieren gehen? All das mache ich auch mit Liam, und es ist wunderbar. Aber das Vorlesen hat etwas Eigenes.
Ich glaube, es liegt daran, dass wir beim Vorlesen in dieselbe Welt eintauchen. Liam und ich sitzen auf demselben Stuhl, schauen auf dieselbe Seite, und sind für zehn Minuten gemeinsam an einem Ort, der nur für uns existiert. Im Wald mit dem Fuchs, auf dem Meer mit dem Schiff, in der Höhle mit dem Drachen. Wir erleben es zusammen.
Beim Spielen ist jeder in seiner eigenen Rolle. Beim Backen bin ich die Anleitende und Liam der Helfer. Aber beim Vorlesen sind wir beide Zuhörer. Beide Entdecker. Beide auf derselben Seite, im wörtlichen und im übertragenen Sinn.
Und dann gibt es diese Momente, die man nicht planen kann. Wenn Liam lacht, weil der Fuchs etwas Lustiges macht. Wenn er sich an mich drückt, weil die Geschichte gerade spannend wird. Wenn er nach dem Vorlesen leise sagt: Grossmueti, was macht de Fuchs jetzt? Und ich mir eine Antwort ausdenke, eine Fortsetzung der Geschichte, nur für ihn, nur für diesen Moment.
Die Brücke zwischen den Generationen
Was mich als Grossmutter besonders berührt: Wenn ich Liam vorlese, spüre ich die Verbindung zu meiner eigenen Mutter. Drei Generationen, die auf Stühlen sitzen und Geschichten erzählen. Meine Mutter las mir Grimm vor, ich las Thomas und Andrea Janosch vor, und jetzt lese ich Liam seine Fuchs-Geschichten vor.
Die Bücher ändern sich. Die Bilder ändern sich. Die Art, wie Geschichten erzählt werden, ändert sich. Aber das Kind auf dem Schoss, die Stimme, die erzählt, das Kuscheltier, das fest gedrückt wird — das bleibt.
Liam wird sich wahrscheinlich nicht an den genauen Wortlaut der Geschichten erinnern, die ich ihm vorlese. Aber er wird sich daran erinnern, wie es sich angefühlt hat. Die Wärme, die Geborgenheit, die Stimme der Grossmutter. So wie ich mich an die Stimme meiner Mutter erinnere. Wie Liam und ich die Welt der personalisierten Geschichten entdeckt haben, habe ich in meinem Artikel über Enkel Liam und seinen Fuchs Seefa erzählt.
Das ist es, was Geschichten tun. Sie schaffen Erinnerungen, die nicht an den Inhalt gebunden sind, sondern an das Gefühl. Und diese Erinnerungen tragen wir ein Leben lang mit uns.
Seefa und die neuen Geschichten
Liams Fuchs heisst Seefa. Er hat ihn bekommen, als er noch ganz klein war, und seitdem sind die beiden unzertrennlich. Seefa wurde im Park vergessen (zwanzig Minuten Panik, bis wir ihn auf der Bank wiederfanden), in die Waschmaschine gesteckt, und hat mindestens dreissig Übernachtungen bei mir überlebt.
Wenn ich Liam eine Geschichte vorlese, in der ein Fuchs vorkommt, zeigt er sofort auf Seefa: Das isch de Seefa! Für ihn ist jeder Fuchs sein Seefa. Und ehrlich gesagt, warum sollte ich ihm widersprechen? Wenn Seefa der Held jeder Geschichte ist, dann ist jede Geschichte persönlich. Dann gehört sie Liam.
Die stille Zeit
Was ich den jungen Eltern, und den jungen Grosseltern, gerne sagen möchte: Macht euch keine Sorgen, ob ihr richtig vorlest. Ob ihr die Stimmen verstellt. Ob ihr genug vorlest oder zu wenig.
Es geht nicht um Perfektion. Es geht um Präsenz.
Setzt euch hin. Nehmt ein Buch, irgendein Buch, und lest vor. Oder erzählt frei. Was zählt, ist, dass ihr da seid. Mit eurer ganzen Aufmerksamkeit. Auch Marco, ein junger Vater, hat das für sich entdeckt und erzählt, wie sein Papa-Abend mit Drache Funki zum wichtigsten Moment seiner Woche wurde.
In einer Welt, die immer schneller wird, immer lauter, immer voller. Das Vorlesen ist ein Anker. Ein stiller Moment, in dem nichts anderes wichtig ist als die Geschichte und der Mensch, dem man sie erzählt.
Liam ist inzwischen eingeschlafen. Seefa liegt neben ihm auf dem Kissen, die Schnauze an Liams Wange. Das Buch liegt aufgeschlagen auf der Bettdecke. Und ich sitze noch einen Moment da, schaue die beiden an und denke: Was für eine schöne Zeit.
Eines Tages, wenn Liam gross ist und vielleicht selbst Kinder hat, wird er sich an diese Freitagabende erinnern. Nicht an die Worte. Aber an das Gefühl.
Und das ist alles, was zählt.
