Freitag, 18 Uhr. Der Kaffee vom Nachmittag hat seine Wirkung längst verloren und mein Kopf fühlt sich an wie nach einer durchzockten Nacht. Der Laptop klappt zu. Feierabend. Auf dem Weg vom Schreibtisch ins Wohnzimmer trete ich zielsicher auf einen Legostein. Wie ein Endgegner, nur schmerzhafter.
Und da stand ich nun, auf einem Bein hüpfend, als Emma um die Ecke bog. In der linken Hand ein zerfleddertes Bilderbuch, in der rechten Hand Funki. Funki ist ein grüner Stoffdrache, der schon bessere Tage gesehen hat. Ein Flügel hängt verdächtig schief herab, was laut Emma von einem epischen Luftkampf mit dem fiesen Staubsauger-Monster herrührt.
“Papa, lesen wir heute von Funkis Reise zum Vulkan?”
Ihre Augen leuchteten. In diesem Moment vergaß ich den schmerzenden Fuß, die ungelesenen E-Mails und den leeren Kühlschrank. Das ist das absolut Beste am Vatersein. Nicht die großen Urlaube oder die teuren Geschenke. Es sind diese ruhigen Minuten am Abend, wenn die Welt draußen leise wird und wir uns in ferne Galaxien träumen.
Vorlesen war für mich anfangs eher eine Pflichtaufgabe. Ein Punkt auf der endlosen To-Do-Liste des Elternseins. Zähneputzen, Schlafanzug anziehen, Geschichte vorlesen, Licht aus. Ein linearer Prozess. Aber Kinder funktionieren nicht wie Maschinen. Und Vorlesen ist kein Abhaken von Checklisten. Es ist vielmehr ein kooperatives Spiel, bei dem sich die Regeln ständig ändern.
In unserem Fall ist Funki der absolute Hauptcharakter. Wenn ich ein Buch aufschlage, geht es nicht mehr um die gedruckten Wörter auf der Seite. Es geht darum, wie Funki in diese Geschichte passt. Die kleine Raupe Nimmersatt? Funki hat ihr geholfen, das riesige Stück Kirschkuchen zu finden. Die Bremer Stadtmusikanten? Funki war der heimliche fünfte Musikant, der mit seinem Feuerspeien die Räuber endgültig verjagt hat.
Das Tolle daran ist die grenzenlose Kreativität. Wir sitzen auf dem Teppich im Kinderzimmer und plötzlich wird der Wäschekorb zu einem Piratenschiff. Funki steht am Bug (oder besser gesagt am Rand des Korbes) und hält Ausschau nach feindlichen Flotten. Ich bin der Steuermann, Emma ist der Kapitän. Spoiler: Emma hat gewonnen. Wie immer. Sie bestimmt den Kurs und ich folge ihren Anweisungen.
Manchmal frage ich mich, wer bei unseren abendlichen Vorlese-Sessions eigentlich mehr lernt. Emma erweitert ihren Wortschatz und taucht in neue Welten ein. Aber ich lerne, wieder wie ein Kind zu denken. Ich lerne, dass ein Schatten an der Wand kein vorbeifahrendes Auto ist, sondern ein freundlicher Riese, der uns Gute Nacht sagen will. Ich lerne, dass Logik in der Fantasie keinen Platz hat. Wenn Funki unter Wasser atmen kann, dann kann er das eben. Da gibt es keine Diskussionen über physikalische Gesetze.
Besonders faszinierend finde ich, wie Funki als Brücke zwischen Emmas Erlebnissen am Tag und der Ruhe der Nacht dient. Wenn es im Kindergarten Streit gab, muss Funki am Abend in unserer Geschichte vielleicht auch einen Konflikt lösen. Er zeigt Empathie, er entschuldigt sich, er teilt sein letztes Gummibärchen. Durch den grünen Stoffdrachen verarbeitet Emma ihre eigenen Gefühle. Und ich darf als Erzähler dabei helfen, die losen Fäden des Tages zu einem versöhnlichen Ende zusammenzuknüpfen. Wie schon in einem meiner früheren Berichte über unser Zubettgehen als Koop-Abenteuer beschrieben, geht es um echtes Teamwork.
Natürlich läuft nicht jeder Abend harmonisch ab. Es gibt Tage, da ist Emma übermüdet, ich bin gestresst und Funki landet bockig in der Ecke. Dann wird das Vorlesen zu einer echten Herausforderung. Das Level-Design ist plötzlich unerbittlich schwer, der Boss-Gegner namens “Müdigkeit” teilt ordentlich aus. Aber auch das gehört dazu. In meinem Artikel über unseren Kampf gegen den abendlichen Boss-Gegner habe ich diese Momente bereits festgehalten. Wir können nicht jeden Abend eine perfekte Performance abliefern. Wichtig ist nur, dass wir es versuchen. Dass wir uns die Zeit nehmen, gemeinsam zur Ruhe zu kommen.
Seit einiger Zeit haben wir unsere Vorlese-Abende noch ein bisschen persönlicher gestaltet. Wir lesen jetzt regelmäßig Geschichten, in denen Funki nicht nur in unserer Fantasie mitspielt, sondern tatsächlich der offizielle Held im Text ist. Durch die personalisierten Bücher von Märchenzauber wurde aus unserem kleinen grünen Stoffdrachen der mutige Retter eines ganzen Zauberwaldes. Als Emma zum ersten Mal gehört hat, dass Funki direkt im echten Buch vorkommt, das wir gerade lesen, war sie völlig sprachlos. Sie hat abwechselnd mich und dann Funki angesehen, als würde sie erwarten, dass er ihr gleich zublinzelt.
Diese fantastischen Abenteuer heben unsere Papa-Kind-Zeit auf ein völlig neues Level. Es ist, als hätten wir ein exklusives DLC-Paket für unser abendliches Ritual freigeschaltet. Die Geschichten sind genau auf Funkis Aussehen und Emmas Alter abgestimmt. So wird die Identifikation noch viel stärker. Wenn Funki im Buch mutig voranschreitet, sitzt Emma mit gestrecktem Rücken neben mir und spürt regelrecht, wie auch sie ein Stückchen größer wird.
Für mich ist das Vorlesen mittlerweile die wertvollste halbe Stunde des Tages geworden. Es ist ein fester Anker in einer Zeit, die oft viel zu schnelllebig ist. Wenn ich spüre, wie Emmas Atmung ruhiger wird, während sie sich an meine Schulter kuschelt und Funki fest im Arm hält, dann weiß ich, dass alles in Ordnung ist. In diesen Momenten schrumpft die Welt auf die Größe eines Kinderzimmers zusammen. Es gibt keine Deadlines, keine Nachrichten, keine Termine. Es gibt nur einen Papa, eine Tochter und einen mutigen kleinen Drachen, der bereit ist für sein nächstes großes Abenteuer.
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich schon morgens auf das Vorlesen freue. Wenn ich im Büro sitze und über eine komplexe Tabelle brüte, denke ich kurz daran, welche heldenhafte Tat Funki heute Abend vollbringen wird. Vielleicht retten wir zusammen eine gestrandete Meerjungfrau. Oder wir bauen ein Raumschiff aus alten Kartons und fliegen zum Mars. Die Möglichkeiten sind endlos und faszinierend zugleich.
Ich kann jedem Vater nur raten, das Vorlesen nicht als mütterliche Domäne abzutun. Es ist keine reine Informationsvermittlung. Es ist Beziehungsarbeit vom Feinsten. Es stärkt die Bindung, fördert das Vertrauen und schafft gemeinsame Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben. Und ganz nebenbei trainiert es die eigenen Improvisationsfähigkeiten ungemein. Wer spontan erklären kann, warum ein Drache plötzlich Angst vor einem winzigen Käfer hat, der meistert auch jedes schwierige Meeting im Job.
Also schnappt euch ein Buch, holt das liebste Kuscheltier eurer Kinder dazu und stürzt euch in die verrückten, wunderbaren Welten, die dort auf euch warten. Lasst euch auf das Spiel ein. Seid albern, verstellt eure Stimmen, erfindet völlig absurde Handlungsstränge. Es lohnt sich absolut. Jeder einzelne Abend.
Und jetzt muss ich los. Funki wartet schon im Flur. Heute steht eine Expedition zum Nordpol auf dem Programm. Ich muss nur noch schnell meine unsichtbare Winterjacke anziehen.
