Neulich, als Liam bei mir übernachtet hat, stand mir eine ganz besondere Premiere bevor. Es war das erste Mal, dass mein kleiner Enkel, gerade mal drei Jahre alt, ein ganzes Wochenende ohne seine Eltern bei mir in Bern verbrachte. Natürlich hatte ich mich wochenlang darauf gefreut. Ich hatte frische Guetzli gebacken, das kleine Gästezimmer gemütlich hergerichtet und ein paar neue Vorlesebücher aus der Stadtbibliothek geholt.
Doch als der Abend näher rückte und die Sonne hinter den Dächern von Bern verschwand, merkte ich, wie die anfängliche Aufregung einem kleinen mulmigen Gefühl Platz machte. Liam sass nach dem Nachtessen etwas stiller als sonst am Küchentisch. Die kleinen Hände kneteten nervös an seinem Pullover, und seine grossen Augen wanderten immer wieder zur Wohnungstür. Das gefürchtete Heimweh kündigte sich an.
Früher hatten wir in solchen Momenten einfach den grossen Teddybären aus dem Schrank geholt oder eine warme Milch mit Honig gemacht. Heute weiss ich, dass es oft einen ganz bestimmten Anker braucht, um einem kleinen Kind das Gefühl von Sicherheit zu geben, wenn es fernab seines eigenen Bettes schläft. Glücklicherweise hatten Liams Eltern genau diesen Anker mitgebracht: Fuchs Seefa, sein geliebtes Kuscheltier.
Seefa ist nicht einfach nur ein Plüschtier. Für Liam ist dieser kleine weiche Fuchs mit dem kecken Lächeln ein ständiger Begleiter, der ihn durch alle Abenteuer des Alltags führt. Warum Kuscheltiere so wichtig sind, versteht man erst richtig, wenn man sieht, wie ein dreijähriger Junge sein Gesicht in das weiche Fell drückt und dabei sofort tief durchatmet. Seefa riecht nach Zuhause, er fühlt sich nach Geborgenheit an, und er ist immer da, wenn die Welt um Liam herum ein wenig zu gross und unübersichtlich wird.
Als es Zeit zum Zubettgehen wurde, nahm ich Liam an die Hand und wir gingen gemeinsam ins Gästezimmer. Ich hatte eine kleine Nachttischlampe angeknipst, die ein wunderbar warmes, goldenes Licht in den Raum warf. Auf dem Kopfkissen sass bereits Seefa und schien förmlich auf uns zu warten. Liam kletterte unter die Decke, drückte den Fuchs fest an sich und schaute mich erwartungsvoll an.
Jetzt war der Moment für unsere Tipps zum Einschlafen gekommen, von denen ich mittlerweile so viele gesammelt hatte. Doch diesmal brauchte ich keine komplizierten Ratschläge. Ich holte mein iPad hervor, was bei mir immer noch ein kleines Staunen auslöst. Dass man auf so einer flachen Scheibe ganze Bibliotheken haben kann, ist für mich nach wie vor ein kleines Wunder. Auf dem Gerät öffnete ich Märchenzauber.
Die Idee, dass ein Kuscheltier zum echten Helden einer Geschichte wird, fasziniert mich zutiefst. Ich scannte ein Foto von Seefa, gab ein paar Details zu unserem Wochenende ein, und kurz darauf begann ich zu lesen. Ich las davon, wie Fuchs Seefa den ganzen Tag lang heimlich die besten Verstecke in der Wohnung der Grossmutter erkundet hatte. Ich erzählte von den Guetzli, die Seefa angeblich im Schrank entdeckt und fast alle aufgegessen hätte.
Liams Augen wurden mit jedem Satz ein bisschen grösser und gleichzeitig ein bisschen schwerer. Das Heimweh, das noch beim Nachtessen so bedrohlich im Raum stand, schien völlig verflogen. Er sah seinen Plüschfuchs an und lachte leise auf. Die Vorstellung, dass sein vertrauter Freund hier bei mir genauso aufregende Dinge erlebt wie zu Hause, gab ihm genau die Sicherheit, die er in dieser fremden Umgebung brauchte.
Ich muss gestehen, ich finde es wunderbar, wie diese Technik uns dabei unterstützt, alte Traditionen neu aufleben zu lassen. Das Vorlesen selbst hat sich überhaupt nicht verändert. Die Wärme meiner Stimme, die gemeinsame Zeit, das gemütliche Aneinanderkuscheln unter der Decke, all das ist genau wie früher. Aber die Geschichten sind persönlicher geworden. Sie holen die Kinder genau dort ab, wo sie stehen, und integrieren das, was ihnen am wichtigsten ist.
Nachdem wir die Geschichte beendet hatten, dauerte es keine fünf Minuten mehr, bis Liams Atem gleichmässig und ruhig wurde. Er schlief friedlich ein, den kleinen Arm fest um Seefa gelegt. Ich sass noch eine Weile an seinem Bett, hörte seinem leisen Atmen zu und betrachtete die beiden. Was für eine schöne Zeit, in der wir solche Möglichkeiten haben, unseren Enkeln das Einschlafen zu erleichtern und ihnen ein Stückchen Heimat mit auf den Weg zu geben.
Diese Momente der Verbundenheit sind so wertvoll. Es geht nicht nur darum, ein Kind zum Schlafen zu bringen. Es geht um das Gefühl, verstanden und beschützt zu werden. Und manchmal braucht es dafür eben keinen superheldenhaften Ritter, sondern einfach nur einen kleinen Stofffuchs, der mutig das fremde Gästezimmer erkundet. Grossmutter und Seefa sind mittlerweile ein eingespieltes Team geworden, wenn es um das Wohlbefinden meines kleinen Lieblings geht.
Das Wochenende verging danach wie im Flug. Wir waren im Tierpark, haben noch mehr Guetzli gebacken und viele weitere Geschichten gelesen. Aber dieser erste Abend, als Seefa das kleine Heimweh besiegte und das Gästezimmer in einen sicheren, magischen Ort verwandelte, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Es zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass die Liebe zum Detail und die Wertschätzung für die kleinen Dinge im Leben das sind, was wirklich zählt. Besonders dann, wenn es darum geht, unseren Kleinsten Geborgenheit zu schenken.
