Freitag, 18 Uhr. Emma steht mit Funki im Flur und wartet. Nicht auf das Abendessen. Nicht auf den Sandmann. Auf mich. Weil Freitag Papa-Abend ist. Und Papa-Abend heisst: Funki fliegt.
Funki ist ein Drache. Grün, etwa 30 Zentimeter lang, mit einem Flügel, der schon zweimal genäht werden musste. Emma hat ihn seit ihrem zweiten Geburtstag. Seitdem ist Funki auf dem Mond gewesen, hat Piraten besiegt und einmal den Weihnachtsmann gerettet. Zumindest in unseren Geschichten.
Aber ich greife vor.
Die Wahrheit über Väter und Vorlesen
Es gibt eine Studie der Stiftung Lesen von 2023. Die Zahlen sind ziemlich ernüchternd: In Deutschland liest nur etwa jeder dritte Vater regelmässig vor. Bei Müttern liegt die Zahl deutlich höher. Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden. Aber es ist eine Tatsache, die mich beschäftigt hat.
Denn Vorlesen ist nicht einfach “ein Buch anschauen”. Es ist die intimste Zeit, die man mit seinem Kind verbringen kann. Zehn Minuten, in denen das Handy nichts zu suchen hat, der Fernseher aus ist und die Welt nur aus zwei Leuten und einem Stoffdrachen besteht.
Ich gebe zu: Am Anfang war ich schlecht darin. Ich hab monoton vorgelesen, als würde ich die AGBs von meinem Handyvertrag durchgehen. Emma hat nach zwei Minuten angefangen, mit Funki zu spielen statt zuzuhören. Fair enough.
Warum Väter anders vorlesen (und das gut ist)
Hier wird’s interessant. Es gibt Forschung dazu, wie Väter und Mütter vorlesen. Nicht besser oder schlechter. Anders.
Väter neigen dazu, beim Vorlesen mehr Fragen zu stellen. “Was glaubst du, was Funki als nächstes macht?” statt einfach weiterzulesen. Väter machen häufiger Geräusche und Stimmen. Väter verbinden die Geschichte öfter mit der echten Welt. “Weisst du noch, als wir im Zoo den echten Drachen gesehen haben?” (Es war eine Eidechse. Emma war trotzdem beeindruckt.)
Das heisst nicht, dass Mütter das nicht können. Natürlich können sie das. Aber der Punkt ist: Kinder profitieren davon, verschiedene Vorlese-Stile zu erleben. Wenn Papa anders vorliest als Mama, ist das kein Bug. Das ist ein Feature.
Funki, der Held
Jetzt zum eigentlichen Gamechanger.
Normale Bücher sind toll. Wir haben eine ganze Kiste davon. Aber irgendwann hatte ich die Geschichte vom kleinen Bären so oft gelesen, dass ich sie im Schlaf aufsagen konnte. Wörtlich im Schlaf. Emma hat mich einmal dabei erwischt, wie ich eingenickt bin, während ich vorgelesen habe. Keine Sternstunde.
Dann haben wir angefangen, Geschichten zu lesen, in denen Funki der Held ist. Und alles hat sich verändert.
Emma sitzt plötzlich kerzengerade im Bett. Augen gross. Mund auf. Weil das ihr Drache ist, der da Abenteuer erlebt. Nicht irgendein Charakter aus einem Buch, den sie nächste Woche wieder vergessen hat. Ihr Funki. Der Drache, der tagsüber auf dem Bett sitzt und abends die Welt rettet.
Letzte Woche hat Funki einen Schatz im Wolkenmeer gefunden. Emma hat mir am nächsten Morgen beim Frühstück die ganze Geschichte nacherzählt. Jedes Detail. Meinen Geburtstag vergisst sie. Aber was Funki im Wolkenmeer gemacht hat? Gespeichert. Für immer.
”Ich babysitte nicht. Das sind meine Kinder.”
Kurzer Einschub, weil mir das wichtig ist.
Wenn ich erzähle, dass ich jeden Freitag Emma ins Bett bringe, sagen manche Leute: “Oh, wie nett, dass du Mama mal eine Pause gönnst.” Als wäre ich der Aushilfs-Babysitter und nicht der Vater.
Nein. Ich bringe mein Kind ins Bett. Das ist keine Gefälligkeit. Das ist mein Job. Genauso wie kochen, Wäsche machen, Fieber messen um drei Uhr nachts und Funki zum dritten Mal zusammennähen.
Und es geht nicht nur um den Freitag. Das ist einfach der Tag, an dem ich besonders viel Zeit investiere. Weil die Woche lang war, weil Emma aufgedreht ist und weil wir beide das brauchen. Dieses Runterkommen. Dieses Zusammensein.
Väter, die vorlesen, tun nicht etwas Besonderes. Sie tun etwas Normales. Und es wäre schön, wenn wir aufhören würden, das zu feiern, als wäre es eine Heldentat. Es ist Elternsein.
Wie unsere Papa-Abende aussehen
Jede Familie hat ihren eigenen Rhythmus. Unserer geht so:
18:00 Abendessen. Emma erklärt mir, was im Kindergarten passiert ist. Funki sitzt neben ihr. Manchmal muss ich auch Funki fragen, wie sein Tag war. Funki hatte meistens einen guten Tag.
18:30 Zähneputzen. Funki hat keine Zähne, bekommt aber trotzdem eine Zahnbürste hingehalten. Ritual ist Ritual.
18:45 Pyjama. Emma sucht aus, welches T-Shirt Funki als Decke bekommt. Das dauert manchmal länger als das eigentliche Umziehen.
19:00 Die Geschichte. Das Herzstück. Emma kuschelt sich hin, Funki liegt auf dem Kissen neben ihr, und dann geht’s los. Funki fliegt los. Über Berge, durch Höhlen, zwischen Sternen hindurch. Und Emma fliegt mit.
19:15 Stille. Emma schläft meistens ein, bevor die Geschichte zu Ende ist. Funki liegt in ihrem Arm. Ich schleiche mich raus. Fertig.
Das klingt einfach. Ist es auch. Es braucht keine Superkräfte. Nur Konsequenz und einen grünen Stoffdrachen.
Was Vorlesen mit mir gemacht hat
Ich will ehrlich sein: Am Anfang war Papa-Abend für mich Pflichtprogramm. Ich wollte meinen Teil beitragen, klar. Aber ich hab mich auch auf den Moment gefreut, wenn Emma endlich schläft und ich FIFA spielen kann.
Das hat sich geändert.
Inzwischen ist die Vorlesestunde mein Lieblings-Moment des Tages. Nicht wegen der Geschichte. Wegen Emma. Wegen der Art, wie sie Funki festhält, wenn es in der Geschichte spannend wird. Wegen ihrer Fragen. (“Papa, können Drachen eigentlich schwimmen?” Funki kann. Natürlich.) Wegen dem Geruch von Kindershampoo und dem Gewicht ihres Kopfes an meiner Schulter.
Das sind keine grossen Momente. Keine Instagram-Momente. Aber es sind die Momente, die bleiben.
Ein Appell an alle Papas da draussen
Ihr müsst nicht perfekt vorlesen. Ihr müsst keine Schauspieler sein. Ihr müsst nicht mal verschiedene Stimmen können (wobei das hilft, Emma liebt meine Drachen-Stimme, die klingt wie Batman mit Erkältung).
Ihr müsst nur da sein. Buch auf, Kuscheltier bereit, Handy weg. Zehn Minuten. Das ist weniger als eine Halbzeit. Weniger als eine Runde Online-Gaming. Weniger als die durchschnittliche Warteschlange bei der Post. Falls eure Kinder trotzdem nicht einschlafen wollen: Sarah kennt das und hat 7 Dinge aufgeschrieben, die wirklich helfen.
Und wenn euer Kind ein Kuscheltier hat, das es liebt: Macht es zum Helden der Geschichte. Nicht das Kind selbst. Das Kuscheltier. Kinder identifizieren sich vollständig mit ihrem Stofftier. Wenn der Drache mutig ist, ist das Kind mutig. Wenn der Drache müde wird und sich in seine Höhle kuschelt, passiert etwas Magisches.
Emma hat mir das beigebracht. Oder besser gesagt: Funki hat es mir beigebracht.
Das war’s
Spoiler: Emma hat gewonnen. Wie immer.
Sie hat einen Papa, der jeden Freitag mit ihr und einem grünen Drachen durch Wolkenmeere fliegt. Und ich habe eine Tochter, die morgens als Erstes fragt: “Papa, was hat Funki letzte Nacht geträumt?”
Keine Ahnung, Emma. Aber ich bin mir sicher, es war ein Abenteuer.
Übrigens: Nicht nur bei uns ist das Vorlesen ein Generationen-Ding. Claudia, eine Grossmutter aus Bern, erzählt, wie das Vorlesen mit ihrem Enkel sie über drei Generationen verbindet.
