Der erste Abend in Stuttgart. Ich erinnere mich an jedes Detail. Ein Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft, zwei Koffer, ein Plastikbeutel mit Snacks vom Zug, und Taras, der auf dem Bett sass und Patron an sich drückte. Patron ist ein Stoffhund. Weiss mit braunen Flecken, etwas plattgedrückt, weil er die ganze Reise in Taras’ Rucksack steckte. Sofija schlief schon. Sie war erst anderthalb. Taras war drei und hat mich angeschaut und gefragt: “Mama, de Patron znaie, de my tut?”
Weiss Patron, dass wir hier sind?
Ich habe gesagt: Ja. Patron weiss es. Patron passt auf uns auf.
Das war keine Lüge. Es war das Einzige, was ich ihm in diesem Moment sagen konnte, das wirklich stimmte.
Ankommen heisst nicht sofort da sein
Ankommen ist kein einzelner Moment. Es ist kein Stempel im Pass und kein Schlüssel zur Wohnung. Es ist etwas, das langsam passiert, über Monate, über kleine Dinge. Über den ersten Einkauf, bei dem man versteht, was auf der Packung steht. Über den Nachbarn, der Hallo sagt. Über den Tag, an dem Taras aus dem Kindergarten kommt und auf Deutsch erzählt, was er erlebt hat.
Für Erwachsene ist Ankommen Arbeit. Formulare, Behörden, Sprachkurs, Wohnung suchen. Man funktioniert, weil man muss.
Für Kinder ist es etwas anderes. Kinder brauchen nicht zuerst eine Aufenthaltsgenehmigung. Sie brauchen das Gefühl, dass alles gut ist. Dass jemand da ist. Dass die Welt, auch wenn sie fremd aussieht und anders riecht und anders klingt, sicher ist.
Taras und Sofija hatten mich. Und sie hatten Patron.
Patron, der Hund, der mitgekommen ist
In Charkiw hatte Taras ein ganzes Regal voller Stofftiere. Wir konnten nur mitnehmen, was in die Koffer passte. Taras hat Patron genommen. Nicht den grossen Löwen, nicht den Dinosaurier. Patron. Weil Patron, so hat er es mir erklärt, mutig ist und auf alle aufpasst.
Patron ist benannt nach dem echten Patron, dem Minenspürhund, der in der Ukraine berühmt geworden ist. Ein kleiner Jack Russell Terrier, der Minen findet und Menschen schützt. Taras hat ihn im Fernsehen gesehen, bevor wir gegangen sind, und wollte unbedingt einen Stoffhund, der so heisst. Meine Schwester hat ihn noch schnell besorgt.
In Stuttgart wurde Patron zum Mittelpunkt. Patron sass beim Frühstück am Tisch. Patron kam mit zum Kinderarzt. Patron lag im Kindergarten in Taras’ Fach und wartete auf ihn.
Und abends, wenn alles still war und das fremde Zimmer dunkel wurde, war Patron da.
Kazka: Geschichten, die ein Zuhause bauen
Kazka heisst Märchen auf Ukrainisch. In Charkiw hat meine Mutter den Kindern Kazky erzählt. Von Kotyhoroshko, dem Jungen, der aus einem Krümel geboren wurde. Von Ivasyk-Telesyk, dem klugen Kind auf dem Fluss. Von der Katze und dem Hahn.
In Stuttgart gab es keine Grossmutter, die Kazky erzählt. Meine Mutter war in Charkiw. Wir telefonierten, aber es war nicht dasselbe. Ich habe versucht, die Geschichten selbst zu erzählen. Aber abends, nach einem Tag voller Termine und neuer Eindrücke, fehlten mir manchmal die Worte. Auch auf Ukrainisch.
Dann habe ich angefangen, Patron in die Geschichten einzubauen. Nicht die alten Kazky, sondern neue. Patron, der durch Stuttgart spaziert und den Schlosspark entdeckt. Patron, der im Kindergarten neue Freunde findet. Patron, der nachts die Sterne zählt und feststellt, dass es dieselben sind wie in Charkiw.
Taras hat zugehört wie nie zuvor. Nicht weil meine Geschichten so gut waren. Sondern weil Patron darin vorkam. Sein Patron. Sein mutiger Hund, der immer auf alle aufpasst.
Warum das Kuscheltier den Unterschied macht
Ich habe lange darüber nachgedacht, warum die Patron-Geschichten so anders gewirkt haben als normale Gute-Nacht-Geschichten. Inzwischen glaube ich, es hat mit Kontrolle zu tun.
Wenn alles fremd ist, wenn du die Sprache nicht verstehst, wenn das Essen anders schmeckt, wenn die Geräusche nachts ungewohnt sind, dann ist da wenig, das sich vertraut anfühlt. Für ein dreijähriges Kind ist das überwältigend, auch wenn es das nicht in Worte fassen kann.
Patron ist vertraut. Patron war schon in Charkiw da. Patron war auf der Reise da. Patron ist jetzt in Stuttgart da. Und wenn Patron in einer Geschichte durch den neuen Kindergarten läuft und Freunde findet, dann bedeutet das: Wenn Patron das schafft, dann schaffe ich das auch.
Taras hat es einmal so gesagt: “Patron hat keine Angst. Also hab ich auch keine.”
Das ist keine kindliche Naivität. Das ist ein Kind, das sich an etwas Festem festhält, während sich alles andere bewegt.
Sofija und die Bilder
Sofija ist jetzt drei und hat ihre eigene Beziehung zu Patron aufgebaut. Sie interessiert sich weniger für die Geschichten selbst. Sie will die Bilder sehen. Immer wieder zeigt sie auf Patron und sagt: “Patron, tam!” Da ist er!
Für Sofija, die kaum Erinnerungen an Charkiw hat, ist Patron kein Symbol für die alte Heimat. Er ist einfach ein Freund. Ein Freund, der in jeder Geschichte auftaucht, der Abenteuer erlebt und der abends neben ihr im Bett liegt.
Wenn ich sehe, wie sie Patron an sich drückt und ihm etwas zuflüstert, halb auf Ukrainisch, halb auf Deutsch, in diesem wunderbaren Mischmasch, den Kinder erfinden, dann denke ich: Das ist Ankommen. Nicht perfekt, nicht abgeschlossen, aber echt.
Der Geruch von Zuhause
Eine Freundin in der Unterkunft hat mir einmal gesagt: Zuhause ist kein Ort. Zuhause ist ein Gefühl. Und manchmal steckt dieses Gefühl in kleinen Dingen. Im Geruch von Borschtsch auf dem Herd. In einem Lied, das die Grossmutter immer gesungen hat. In einem Stoffhund mit braunen Flecken.
Taras ist jetzt fünf. Er spricht Deutsch mit schwäbischem Einschlag, was mich jedes Mal zum Lachen bringt. Er hat Freunde im Kindergarten. Er kennt den Weg zum Bäcker. Stuttgart ist seine Stadt geworden.
Aber abends, wenn ich ihm eine Geschichte erzähle, dann ist es immer noch Patron, der das Abenteuer erlebt. Patron, der durch die Welt zieht und überall Freunde findet. Patron, der mutig ist, auch wenn es schwierig wird.
Letzte Woche hat Taras mich vor dem Einschlafen gefragt: “Mama, erlebt Patron morgen wieder was?”
Ja, habe ich gesagt. Morgen erlebt Patron wieder was. Das tut er immer.
Was ich anderen Familien sagen würde
Wenn ihr neu in Deutschland seid, mit Kindern, und alles fühlt sich gross und fremd an: Schaut auf das Kuscheltier. Dieses zerknautschte, abgegriffene, am-Ohr-angekaute Ding, das euer Kind nicht loslässt. Darin steckt mehr Kraft, als man denkt.
Erzählt Geschichten, in denen dieses Kuscheltier der Held ist. In denen es die neue Stadt erkundet, neue Freunde findet, Abenteuer besteht. Euer Kind wird zuhören. Nicht wegen eurer Erzählkunst. Sondern weil sein bester Freund darin vorkommt. Drita, eine kosovarisch-schweizerische Mama, beschreibt, wie ihr Sohn zwischen Albanisch und Deutsch mit seinem Stoffadler seinen Platz findet.
Und vielleicht, ganz vielleicht, hilft es auch euch. Mir hat es geholfen. Denn wenn ich erzähle, wie Patron Stuttgart entdeckt, dann entdecke ich es auch ein bisschen mit. Fatima kennt dieses Zwischen-zwei-Welten-Gefühl ebenfalls und hat aufgeschrieben, wie Geschichten ihrem Kind helfen, zweisprachig aufzuwachsen.
Dobranich. Gute Nacht.
