Plüschhund Patron liegt auf einem Bett mit einem aufgeschlagenen Märchenbuch, warmes Licht der Nachttischlampe.

Die Magie der Kazka: Warum Märchen auch in der Fremde trösten

Jeder Abend in unserem neuen Zuhause beginnt mit einer Kazka. So nennen wir Märchen auf Ukrainisch. Das Wort klingt für mich nach Heimat, nach meiner Grossmutter, die mir als Kind Geschichten erzählt hat, und nach dem warmen Gefühl, das mich umhüllt, wenn ich die vertrauten Worte höre. Für Taras und Sofija ist es mittlerweile ein festes Ritual, das ihnen sagt, dass die Welt in Ordnung ist. Auch wenn draussen alles fremd ist, auch wenn die Strassenbahn klingelt und die Menschen auf der Strasse Wörter benutzen, die wir noch nicht verstehen, in unserem Kinderzimmer gibt es diese eine Konstante: Kazka.

Patron, unser Plüschhund, ist dabei immer mit von der Partie. Er sitzt zwischen den Kindern auf dem Bett, seine weichen Ohren scheinen genau zuzuhören, und manchmal flüstere ich ihm sogar ein paar Sätze ins Ohr, die nur er verstehen soll. Taras sagt oft, Patron verstehe jede Sprache, auch die deutsche, die wir noch lernen. Und vielleicht hat er recht. Denn wenn ich eine Geschichte erzähle, schafft Patron eine Brücke zwischen der alten und der neuen Welt. Er ist der Held, der uns beschützt, während wir in fremde Welten reisen.

Als wir nach Stuttgart kamen, war nichts mehr, wie es vorher war. Die vertrauten Geräusche unserer Wohnung in Charkiw wichen der Stille einer noch nicht eingerichteten Wohnung. Die Kinder suchten Halt, und ich suchte nach Wegen, ihnen diesen Halt zu geben. Wie ein Kuscheltier beim Ankommen helfen kann, habe ich schon einmal geschrieben. Doch heute möchte ich über etwas sprechen, das noch tiefer geht: über die Kraft der Märchen.

Märchen sind nicht einfach nur Geschichten. Sie sind eine Sprache der Gefühle. Sie erzählen von Helden, die Herausforderungen meistern, von bösen Hexen, die besiegt werden, und von einem Happy End, das nach vielen Prüfungen erreicht wird. Für Kinder, die in einer neuen Umgebung zurechtkommen müssen, sind diese Erzählungen wie ein sicherer Hafen. Sie zeigen, dass es möglich ist, Schwierigkeiten zu überwinden, dass man mutig sein kann, auch wenn man Angst hat, und dass am Ende alles gut wird. Diese Botschaft ist universell, sie braucht keine Übersetzung.

Taras fragte mich neulich, warum die Märchen in Deutschland anders klingen als unsere Kazka. Ob die deutschen Kinder auch einen Patron haben, der ihnen zuhört? Wir haben darüber gesprochen, wie schön es ist, dass es überall auf der Welt Geschichten gibt, die trösten und Mut machen. Und dass wir jetzt die Chance haben, beide Welten kennenzulernen. Das zweisprachige Aufwachsen ist für uns alle eine Bereicherung, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Die Märchen aus der Ukraine geben uns Wurzeln, die deutschen Geschichten geben uns Flügel.

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem Sofija ganz aufgewühlt war. Sie vermisste ihre Freundinnen aus Charkiw, und die neue Kita fühlte sich noch immer fremd an. Statt viel zu reden, habe ich sie einfach in den Arm genommen und angefangen, eine Kazka zu erzählen. Die Geschichte handelte von einem kleinen Mädchen, das in ein fernes Land reist und dort neue Freunde findet. Mit jedem Satz spürte ich, wie Sofija langsam ruhiger wurde. Am Ende schlief sie mit einem kleinen Lächeln ein, und Patron lag an ihrer Seite, als wäre er ihr persönlicher Beschützer.

Es sind diese Momente, die mir zeigen, wie wichtig Rituale sind. Sie geben Struktur, wo alles chaotisch erscheint. Sie schaffen Vertrautheit, wo alles neu ist. Und sie verbinden Generationen. Meine Grossmutter erzählte mir Kazka, ich erzähle sie meinen Kindern, und vielleicht werden Taras und Sofija sie eines Tages ihren Kindern weitergeben. Diese Kontinuität ist ein Geschenk, das uns niemand nehmen kann, auch wenn wir Tausende Kilometer von zu Hause entfernt sind.

Manchmal denke ich, dass Märchen die einzige Sprache sind, die jeder versteht. Sie sprechen direkt zum Herzen, umgehen den Verstand und öffnen Türen zu Orten, an denen wir uns sicher fühlen. Warum Kuscheltiere so wichtig sind, habe ich schon oft betont. Doch die Kombination aus einem vertrauten Kuscheltier und einer vertrauten Geschichte ist magisch. Sie schafft einen Raum, in dem alles möglich ist, in dem Ängste schrumpfen und Träume wachsen.

In den letzten Wochen habe ich angefangen, deutsche Märchen in unsere Abendroutine einzubauen. Zuerst nur ein paar Sätze, dann ganze Abschnitte. Taras und Sofija sind neugierig und stellen viele Fragen. Patron scheint die neuen Wörter genauso aufmerksam zu verfolgen wie die alten. Es ist, als würde er uns zeigen, dass Sprachen keine Grenzen sind, sondern Brücken. Dass wir nicht eine Heimat gegen die andere eintauschen müssen, sondern beide in unserem Leben willkommen heissen können.

Kazka bedeutet auf Ukrainisch nicht nur Märchen, es bedeutet auch Zauber. Und genau das spüre ich jeden Abend, wenn ich die Bücher aufschlage und die ersten Worte spreche. Ein Zauber der Geborgenheit, der meinen Kindern zeigt, dass sie geliebt sind, dass sie sicher sind, dass sie einen Ort haben, an dem sie ganz sie selbst sein können. Egal, was der Tag gebracht hat, egal, welche Herausforderungen noch vor uns liegen, in diesem Moment zählt nur die Geschichte, die wir teilen.

Vielleicht ist das das Geheimnis der Kazka. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht alleine sind. Dass Generationen vor uns dieselben Geschichten erzählt haben, um Trost zu spenden, Mut zu machen und Hoffnung zu schenken. Und dass wir diese Tradition jetzt weiterführen dürfen, in einem neuen Land, mit neuen Klängen, aber mit demselben Herzen.

Wenn ich abends das Licht im Kinderzimmer ausschalte und leise die Tür schliesse, weiss ich, dass Taras und Sofija mit Patron an ihrer Seite und mit den Bildern der Kazka im Kopf einschlafen. Und ich weiss, dass sie träumen werden von Helden, Abenteuern und einem Happy End, das auf sie wartet. Das ist das grösste Geschenk, das ich ihnen geben kann: die Gewissheit, dass die Welt voller Magie ist, auch in der Fremde.

Oksana Kovalenko

Oksana Kovalenko

Stuttgart

Oksana, 33, Stuttgart — Mama von Taras (5) und Sofija (3). Aus Charkiw nach Deutschland gekommen, baut hier ein neues Zuhause auf.

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