Ein Fünfjähriger Junge hält seinen Plüschhund im Arm

Der laute Kindergarten: Wie Hund Patron meinem Sohn hilft, seinen Mut zu finden

Oksana Kovalenko
Oksana KovalenkoStuttgart

Als wir nach Stuttgart kamen, war alles laut. Die Straßenbahnen, die Krankenwagen, die Stimmen der vielen Menschen. Taras fragte mich gestern Abend: Mama, warum sprechen die Kinder im Kindergarten so schnell? Er blinzelte mich mit müden Augen an. Seine kleinen Hände hielten Hund Patron fest umschlungen. Patron ist sein Plüschhund. Ein Geschenk, das wir noch aus Charkiw mitgebracht haben. Er riecht nach Zuhause. Er riecht nach Sicherheit.

Der Kindergartenstart ist für jedes Kind eine große Herausforderung. Für ein Kind, das die Sprache der anderen nicht versteht, ist es wie eine Reise auf einen fremden Planeten. Alles ist anders. Das Essen schmeckt nicht wie bei Oma. Die Lieder haben keine vertraute Melodie. Die Regeln auf dem Bauteppich bleiben ein Rätsel, bis man versehentlich den falschen Turm umstößt. Taras ist fünf Jahre alt. Er versucht so sehr, alles richtig zu machen. Er ist ein stiller Beobachter geworden, der jedes Wort der Erzieherinnen aufsaugt, aber selbst kaum ein Geräusch macht. Zu Hause bricht dann oft die aufgestaute Anspannung heraus. Sofija, die erst drei Jahre alt ist und noch bei mir bleibt, spürt das sofort. Sie bringt ihm dann oft wortlos sein Kuscheltier.

Es gibt Momente, in denen tröstende Worte von Mama nicht ausreichen. Ich kann ihm nicht versprechen, dass er morgen plötzlich alles versteht. Ich kann die fremden Laute nicht in eine bekannte Sprache übersetzen, solange er dort alleine ist. Aber ich kann ihm einen Begleiter mitgeben, der genau weiß, wie er sich fühlt.

Gestern war wieder so ein Tag. Um neunzehn Uhr saßen wir endlich im Kinderzimmer auf dem Boden. Das ist unsere magische Stunde. Draußen wurde es dunkel, die Straßenlaternen sprangen an und hüllten unser Wohnzimmer in ein warmes orangefarbenes Licht. Die Welt da draußen wurde leiser. Das ist die Zeit, in der Taras wieder atmen kann. Die Zeit für eine Kazka. Kazka, so heißt Märchen auf Ukrainisch. Es ist ein Wort, das sofort ein Lächeln auf sein Gesicht zaubert.

Ich öffnete Märchenzauber auf meinem Telefon. Die App ist für mich ein kleines Stück Zauberei geworden. Sie hilft mir, Geschichten zu erschaffen, die genau das aufgreifen, was Taras tagsüber belastet. Ich muss nicht mühsam nach einem Buch suchen, das exakt seine Situation widerspiegelt. Ich kann einfach ein Foto von Hund Patron hochladen und der App erzählen, worüber Taras heute nachgedacht hat.

In der Geschichte, die ich gestern Abend für ihn vorlas, ging Hund Patron in eine neue Hundeschule. Dort bellten alle Hunde auf eine ganz seltsame Art. Ein großer Schäferhund machte ein lautes Wuff, das Patron fast umgeworfen hätte. Ein kleiner Dackel kläffte in einem rasend schnellen Rhythmus. Patron verstand kein einziges Wort. Er fühlte sich winzig klein. Er saß am Rand der Wiese und dachte, er würde nie einen Freund finden.

Taras Augen wurden groß, als ich ihm vorlas. Er rückte ein Stück näher an mich heran. Er wusste genau, wie Patron sich in diesem Moment fühlte. Genau so saß er morgens oft auf der kleinen Holzbank in der Garderobe seines Kindergartens.

Aber die Geschichte ging weiter. Patron entdeckte, dass man nicht immer dieselbe Sprache sprechen muss, um zusammen spielen zu können. Er fand einen Ball. Er stupste ihn vorsichtig zu dem großen Schäferhund. Der Schäferhund wedelte mit dem Schwanz und stupste den Ball zurück. Plötzlich war das Bellen gar nicht mehr so wichtig. Sie verstanden sich über das Spiel. Sie rannten gemeinsam über die Wiese, und Patron merkte, dass er mutiger war, als er dachte.

Als die Geschichte endete, schaute Taras mich an. Sein Griff um den echten Patron lockerte sich etwas. Er flüsterte mir zu: Mama, morgen nehme ich meinen roten Ball mit in den Kindergarten. Vielleicht spielen die anderen Kinder dann mit mir.

Mir kamen die Tränen, aber ich blinzelte sie schnell weg. Es ist erstaunlich, wie viel Kraft in einer einfachen Erzählung stecken kann. Ein Kind begreift Ratschläge von Erwachsenen oft nicht, wenn sie logisch und vernünftig klingen. Aber ein Kuscheltier, das dasselbe erlebt wie sie selbst, das ist ein echter Gefährte. Hund Patron ist der Held in Taras Welt. Wenn Patron den Mut findet, trotz der fremden Sprache zu spielen, dann kann Taras das auch.

Wir haben diese Methode schon öfter genutzt. Als wir in Stuttgart ankamen und alles neu war, erzählte ich ihm Geschichten über die Reise und das Ankommen. Das hat ihm damals geholfen, unsere Situation besser zu begreifen. Jetzt, wo der Fokus auf der Sprache und den sozialen Kontakten liegt, passt sich Patron einfach an. Er wächst mit den Herausforderungen meines Sohnes.

Es ist eine große Erleichterung für mich als Mutter. Ich muss keine pädagogischen Reden halten. Ich lade einfach ein Foto hoch und erhalte eine sanfte, einfühlsame Geschichte, die den Kern des Problems trifft. Ich kann die Sprache und die Dauer der Geschichte bestimmen. Manchmal lese ich ihm die Geschichte auch zweimal vor. Das gibt ihm eine enorme Sicherheit.

Auch für Eltern, die sich vielleicht fragen, ob das wirklich funktioniert, kann ich nur sagen: Probiert es aus. Es gibt übrigens auch andere Mütter, die ähnliche Erfahrungen machen. Fatima hat neulich wunderbar beschrieben, wie Geschichten beim zweisprachigen Aufwachsen helfen können. Das fand ich sehr beruhigend zu lesen. Und in einem anderen Beitrag wird sogar erklärt, warum Kuscheltiere eine fast schon magische Wirkung auf Kinder haben. Das kann ich aus vollem Herzen bestätigen.

Heute Morgen lief der Weg zum Kindergarten etwas anders ab. Taras war nicht so still wie sonst. Er hatte seinen kleinen Rucksack fest auf den Schultern und in der Hand trug er tatsächlich seinen roten Ball. Patron musste natürlich auch mit. Er saß sicher verstaut im Rucksack und schaute mit seiner kleinen schwarzen Nase heraus. Als wir an der Tür ankamen und die Erzieherin uns mit einem lauten und fröhlichen Guten Morgen begrüßte, zuckte Taras nicht zusammen.

Er schaute sie an, dann schaute er kurz auf Patron in seinem Rucksack. Er holte tief Luft und sagte ganz leise, aber deutlich: Hallo.

Das war sein erstes deutsches Wort im Kindergarten. Ein kleiner Schritt für die Welt, aber ein riesiger Sprung für mein Kind. Ich gab ihm einen Kuss auf die Stirn und sah ihm nach, wie er mit seinem Ball in der Hand auf die Bauecke zuging. Er sah nicht mehr so verloren aus. Er sah aus wie jemand, der einen geheimen Freund in der Tasche hat, der ihm beisteht.

Und ich wusste, heute Abend um neunzehn Uhr werden wir uns wieder auf den Boden setzen. Wir werden das orangefarbene Licht anmachen und ich werde ihm eine neue Kazka erzählen. Vielleicht eine, in der Patron stolz erzählt, wie er heute zum ersten Mal in der Hundeschule auf eine neue Art gebellt hat. Und Taras wird zuhören, verstehen und sich ein kleines bisschen mehr in seiner neuen Heimat geborgen fühlen.

Oksana Kovalenko

Oksana Kovalenko

Stuttgart

Oksana, 33, Stuttgart — Mama von Taras (5) und Sofija (3). Aus Charkiw nach Deutschland gekommen, baut hier ein neues Zuhause auf.

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