Eine warme Nachttischlampe beleuchtet ein Kinderzimmer mit einem Plueschhund auf dem Bett

Wie neue Rituale uns in der neuen Heimat Geborgenheit geben

Als wir nach Stuttgart kamen, war alles fremd. Die Sprache, die Strassen, sogar der Geruch der Baeckereien am Morgen. Fuer Taras und Sofija war diese Veraenderung riesig. Die ersten Wochen waren von Unruhe gepraegt, besonders abends, wenn die Muedigkeit kam und die Eindruecke des Tages verarbeitet werden mussten.

Wir haben schnell gelernt, dass Kinder nicht viel brauchen, um sich sicher zu fuehlen. Sie brauchen nur uns und Verlaesslichkeit. In Charkiw hatten wir unsere festen Ablaeufe, und hier mussten wir diese erst wieder neu erfinden. Ein grosser Schritt war es, den Abend wieder bewusst zu gestalten.

Taras fragte mich gestern: “Mama, koennen wir wieder eine Kazka lesen?” Kazka, so heisst Maerchen auf Ukrainisch. Es ist dieses eine Wort, das sofort Waerme in unser kleines Wohnzimmer in Stuttgart bringt. Wir setzen uns dann auf das Bett, ziehen die dicke Decke hoch und schalten nur die kleine Sternenlampe an. Es ist ein Moment der absoluten Ruhe.

Dabei spielt Taras kleiner Plueschhund Patron eine wichtige Rolle. Patron ist nicht nur ein Spielzeug. Er ist ein treuer Begleiter, der schon den langen Weg hierher mitgemacht hat. In unseren Geschichten wird genau dieser Patron zum grossen Helden. Er beschuetzt Taras, er erlebt Abenteuer im Zauberwald und er weiss immer den Weg zurueck nach Hause. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese personalisierten Geschichten meinem Sohn helfen. Wenn sein eigener Hund der Held ist, fuehlt er sich selbst stark. Es gibt ihm ein Gefuehl von Kontrolle in einer Welt, die sich gerade so schnell veraendert.

Diese abendliche Routine hat alles veraendert. Aehnlich wie bei dem Zubettgehen als Koop-Abenteuer merken wir, dass die gemeinsame Zeit das Wichtigste ist. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, da zu sein. Wir lesen, wir lachen leise und dann kehrt Frieden ein.

Auch Sofija, die mit ihren drei Jahren noch vieles nicht versteht, profitiert von dieser Ruhe. Wenn sie sieht, dass ihr grosser Bruder entspannt zuhoert und sein Kuscheltier im Arm haelt, weiss sie, dass alles gut ist. Oft denken wir Erwachsenen, wir muessten grosse Dinge tun, um unseren Kindern Sicherheit zu geben. Dabei sind es oft die kleinen, stetigen Dinge. Das taegliche Vorlesen, die immer gleiche Uhrzeit, die vertraute Stimme.

Wir haben auch gelernt, dass Zweisprachig aufwachsen eine Chance ist. Wir mischen mittlerweile deutsche und ukrainische Woerter. Aber die Kazka am Abend, die gehoert ganz uns. Märchenzauber hilft uns dabei, diese Momente besonders zu machen, weil die Geschichten direkt auf uns zugeschnitten sind. Patron erlebt genau das, was Taras am Tag vielleicht beschaeftigt hat. So koennen wir den Tag abschliessen, ohne offene Fragen.

Es ist eine kleine Insel der Vertrautheit in einem Ozean aus Neuem. Und jeden Abend, wenn das Licht ausgeht und die Kinder schlafen, weiss ich: Wir sind angekommen. Nicht nur in einer neuen Stadt, sondern wieder bei uns selbst.

Oksana Kovalenko

Oksana Kovalenko

Stuttgart

Oksana, 33, Stuttgart — Mama von Taras (5) und Sofija (3). Aus Charkiw nach Deutschland gekommen, baut hier ein neues Zuhause auf.

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