Neulich, als Liam bei mir übernachtet hat, ist etwas Wundervolles passiert. Es war ein regnerischer Freitagnachmittag, und wir hatten gerade unsere selbstgemachten Schoko-Guetzli aus dem Ofen geholt. Der Duft von geschmolzener Schokolade erfüllte die ganze Küche. Liam sass am Tisch, die Füsse baumelten fröhlich in der Luft, und in seinen kleinen Händen hielt er seinen treuen Begleiter: Seefa, den kleinen Plüschfuchs.
Früher, als meine eigenen Kinder klein waren, hatten wir Kassettenrekorder. Jeden Abend legten wir eine Kassette ein, hörten das vertraute Rauschen und lauschten den Geschichten von Benjamin Blümchen oder den Märchen der Gebrüder Grimm. Das war unsere Abendroutine. Heute, so muss ich gestehen, staune ich manchmal über die Welt, in der mein Enkel aufwächst. Sie ist so schnell, so bunt und manchmal auch ein bisschen überfordernd. Aber an diesem Abend habe ich gemerkt, dass die Magie des Geschichtenerzählens immer noch dieselbe ist, auch wenn die Form sich verändert hat.
Nach dem Nachtessen machten wir uns bereit fürs Bett. Zähneputzen, Pyjama anziehen und dann das Wichtigste: die Gutenachtgeschichte. Meine Tochter hatte mir vor ein paar Wochen von Märchenzauber erzählt. «Mami», hatte sie gesagt, «du musst das unbedingt mal mit Liam ausprobieren.» Ich war zuerst etwas skeptisch. Eine App auf dem Telefon, um Geschichten zu erzählen? Ich lese doch so gerne aus meinen alten Büchern vor. Aber meine Neugier siegte.
Ich nahm also mein Telefon zur Hand und öffnete diese kleine Applikation. Liam sass neben mir auf dem Bett, den kleinen Fuchs Seefa fest an sich gedrückt. Die Anleitung war ganz einfach. Ich sollte ein Foto von Seefa machen. Liam war sofort begeistert und half mir dabei, den Fuchs auf das weisse Kissen zu setzen, damit er gut im Licht sass. Klick. Das Foto war gemacht. Dann tippten wir zusammen den Namen ein: Seefa.
Was dann geschah, hat nicht nur Liam, sondern auch mich verzaubert. Auf dem Bildschirm entstand eine Geschichte, in der genau dieser kleine Plüschfuchs die Hauptrolle spielte. Es war keine vorgefertigte Erzählung aus einem Buch, sondern Seefas eigenes kleines Abenteuer. Die Geschichte handelte davon, wie Seefa im Wald nach den verlorenen Sternen suchte, um den Tieren den Weg nach Hause zu leuchten.
Als ich begann vorzulesen, spürte ich, wie Liam sich eng an mich kuschelte. Seine Augen wurden gross, als er hörte, wie sein Seefa mutig über einen kleinen Bach sprang und sich mit einer weisen Eule unterhielt. Er schaute immer wieder zu seinem Plüschfuchs hinunter, als wollte er sichergehen, dass er wirklich all diese aufregenden Dinge erlebte. Die Verbindung zwischen dem Kind und seinem vertrauten Kuscheltier wurde durch diese Geschichte auf eine ganz besondere Weise gestärkt. Es war nicht mehr nur ein Stofftier; es war ein Held, der Abenteuer bestand und mutig war, genau wie Liam es manchmal sein möchte.
Ich muss oft an die Zeit denken, als meine eigenen Kinder in diesem Alter waren. Damals haben wir uns die Geschichten noch selbst ausdenken müssen, wenn das Lieblingsbuch zum hundertsten Mal vorgelesen war. Das hatte natürlich auch seinen Charme. Aber diese personalisierte Erzählung hat etwas Magisches an sich. Sie verbindet die moderne Technik mit dem uralten Bedürfnis nach Geborgenheit und Phantasie. Es ist eine Brücke zwischen meiner Welt der gedruckten Bücher und Liams Welt der digitalen Möglichkeiten.
Wenn Sie mehr darüber lesen möchten, wie sich das Vorlesen über die Generationen verändert hat und wie wertvoll diese Zeit für uns Grosseltern ist, empfehle ich Ihnen den wunderbaren Beitrag über Vorlesen mit Enkeln. Es ist eine so bereichernde Erfahrung, diese Momente der Ruhe und Nähe zu teilen.
An diesem Abend, nachdem die Geschichte zu Ende war und Seefa alle Sterne zurück in den Himmel gebracht hatte, fielen Liams Augen langsam zu. Er flüsterte noch leise: «Seefa war mutig, gell Grosi?» Ich streichelte sanft über seinen Kopf und antwortete: «Ja, mein Schatz, sehr mutig. Und du bist es auch.» Kurze Zeit später schlief er tief und fest, ein friedliches Lächeln auf dem Gesicht, und Seefa lag sicher in seinen Armen.
Solche Abende sind für mich als Grossmutter ein unbezahlbares Geschenk. Sie zeigen mir, dass, egal wie sehr sich die Welt um uns herum verändert, die grundlegenden Dinge gleich bleiben. Kinder brauchen Geschichten, um die Welt zu verstehen. Sie brauchen Geborgenheit, um friedlich einschlafen zu können. Und wir Grosseltern haben das Privileg, ihnen beides zu geben, manchmal eben mit ein bisschen Hilfe aus der heutigen Zeit. Es fasziniert mich, wie ein einfaches Foto von einem Plüschfuchs zu einem Erlebnis werden kann, das uns noch enger miteinander verbindet.
Vielleicht haben Sie ja auch ein Enkelkind, das an einem bestimmten Kuscheltier hängt. Wir alle kennen das Phänomen. Wenn Sie sich fragen, warum diese treuen Begleiter für Kinder so eine grosse Bedeutung haben, schauen Sie doch einmal in den Artikel Warum Kuscheltiere so wichtig sind. Es erklärt so vieles über das kindliche Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrautheit.
Ich werde auf jeden Fall bei Liams nächstem Besuch wieder mein Telefon zur Hand nehmen. Wir haben schliesslich noch nicht herausgefunden, was Seefa auf dem Mond erlebt oder wie er den verlorenen Schatz der Zwerge findet. Die Welt der Phantasie ist grenzenlos, und ich bin dankbar, dass ich sie gemeinsam mit meinem Enkel neu entdecken darf. Es sind diese stillen, magischen Momente am Abend, wenn der Tag zur Ruhe kommt und die Geschichten beginnen, die ich für immer in meinem Herzen bewahren werde. Und wer weiss, vielleicht erzähle ich Ihnen beim nächsten Mal von Seefas Reise zu den Wolkenschafen.
