Ich muss gestehen, ich war ein wenig nervös. Der erste richtige Übernachtungsbesuch von meinem kleinen Enkel Liam stand an. Drei Jahre alt ist er nun, ein richtiges Energiebündel, das am liebsten den ganzen Tag im Garten herumtollt. Bisher hat er immer nur tagsüber bei mir verbracht, während seine Eltern gearbeitet haben oder Besorgungen machten. Aber ein ganzes Wochenende? Das war eine Premiere für uns beide.
Früher, als meine eigenen Kinder klein waren, da schien mir alles so selbstverständlich. Man hatte seine festen Abläufe. Aber wenn dann der Enkel plötzlich mit seinem kleinen Köfferchen vor der Tür steht, spürt man doch eine feine, freudige Aufregung. Liam hatte seine Zahnbürste dabei, seinen Schlafanzug mit den kleinen Sternen und natürlich das Wichtigste überhaupt: seinen Fuchs Seefa. Ohne Seefa geht er nirgendwo hin. Der kleine rote Fuchs mit den spitzen Ohren ist sein treuester Begleiter.
Der Tag verging wie im Flug. Wir haben Guetzli gebacken, sind mit dem Laufrad bis zum Park geflitzt und haben die Enten am Weiher beobachtet. Liam war vergnügt und ausgelassen. Doch als die Sonne langsam unterging und es Zeit für das Nachtessen wurde, merkte ich, wie sich seine Stimmung veränderte. Er wurde stiller, ass nur ein halbes Brot und rieb sich immer wieder die Augen.
„Mami?“, fragte er leise, während er Seefa fest an sich drückte.
Da war es. Das gefürchtete Heimweh. Es bricht einem fast das Herz, wenn man diese grossen, traurigen Augen sieht. Ich wusste, dass jetzt keine Ablenkung mehr helfen würde. Kein Spielzeug und keine Süssigkeit. Was er brauchte, war Geborgenheit und ein Gefühl von Zuhause.
Ich erinnerte mich daran, was Liams Vater mir erzählt hatte, als er mich auf das Wochenende vorbereitete. Er erwähnte ihr abendliches Vorlesen mit Enkeln und wie wichtig eine vertraute Routine sei. Er hatte mir auch die Märchenzauber-App auf meinem Tablet eingerichtet. Ich gebe zu, ich staune immer noch über diese digitale Welt. Früher hatten wir Kassetten, die wir zum Einschlafen hörten, oder ich las aus einem alten, abgegriffenen Märchenbuch vor. Heute fotografiert man das Kuscheltier und bekommt eine persönliche Geschichte. Faszinierend.
„Weisst du was, Liam?“, sagte ich sanft und hob ihn hoch. „Wir machen uns jetzt richtig bettfertig. Und dann schauen wir, was Seefa heute Abend für ein Abenteuer erlebt.“
Bei dem Wort „Seefa“ horchte er auf. Er klammerte sich an seinen Fuchs und liess sich widerstandslos den Schlafanzug anziehen und die Zähne putzen. Als wir endlich im Gästezimmer waren, schaltete ich die kleine Nachttischlampe ein. Sie taucht den Raum in ein so warmes, gemütliches Licht. Wir kuschelten uns unter die dicke Decke, Seefa genau zwischen uns.
Ich holte mein Tablet hervor und öffnete die App. Ich hatte Liams Vater gebeten, mir etwas Passendes vorzubereiten. Die Geschichte begann genau hier, bei mir zu Hause in Bern. Es ging darum, wie Seefa der mutige Fuchs zum ersten Mal auf einer grossen Expedition war, weit weg von seiner gewohnten Höhle. Er fühlte sich anfangs auch ein wenig unsicher, genau wie Liam. Aber dann entdeckte Seefa, dass die grosse Welt auch nachts voller Wunder steckt und dass man überall sicher ist, wenn man liebe Menschen um sich hat.
Es war wunderbar zu beobachten, wie Liam langsam zur Ruhe kam. Die Geschichte war genau auf seine Situation zugeschnitten. Ich las ruhig vor, machte hier und da kleine Pausen. Manchmal vergleiche ich es mit dem Papa-Abend mit Funki, von dem ich auf diesem Blog gelesen habe. Es ist dieses gemeinsame Erleben, das die Kinder beruhigt.
Während ich las, streichelte Liam unaufhörlich über Seefas weichen Plüschkopf. Der kleine Fuchs im echten Leben und der mutige Fuchs in der Geschichte verschmolzen zu einer Einheit. Die Tränen, die vorher noch in seinen Augen geglänzt hatten, waren verschwunden. Stattdessen lauschte er gebannt jedem meiner Worte.
Besonders schön fand ich, dass die Geschichte so natürlich klang. Sie fühlte sich nicht fremd an, sondern passte perfekt in unsere Welt. Das erinnert mich daran, wie wertvoll es ist, wenn Geschichten direkt aus dem Leben der Kinder greifen, ähnlich wie bei Familien, die zweisprachig aufwachsen und in beiden Sprachen Vertrautheit finden.
Als die Geschichte endete und Seefa in seiner neuen Schlafhöhle friedlich einschlief, fielen auch Liams Augen langsam zu. Er atmete tief und gleichmässig. Das Heimweh war verflogen, besiegt von einer Geschichte, die ihm zeigte, dass er mutig sein darf und dass er auch hier bei mir sicher und geborgen ist.
Ich lag noch eine ganze Weile neben ihm, betrachtete sein friedliches Gesicht und den kleinen Fuchs in seinen Armen. Was für eine schöne Zeit wir doch haben. Früher oder heute, mit Buch oder Tablet: Die Magie einer guten Geschichte und die Kraft der Fantasie bleiben immer gleich. Und Seefa hat sich an diesem Abend wirklich als kleiner Held erwiesen.
