Eine Grossmutter liest ihrem Enkel eine Geschichte vor

Mein Enkel Liam und sein Fuchs Seefa — wie ich zur digitalen Grossmutter wurde

Claudia Brunner
Claudia BrunnerBern

Neulich, als Liam bei mir übernachtet hat, ist etwas passiert, das mich noch Tage später beschäftigt hat. Wir sassen auf dem Sofa, er in seinem Pyjama mit den kleinen Bären drauf, ich mit einer Tasse Kräutertee, und er sagte: “Grossmueti, lies mir eine Seefa-Geschichte vor.”

Seefa. Sein Fuchs. Orangebraun, mit einem buschigen Schwanz und einem Gesicht, das immer ein bisschen verschmitzt aussieht. Liam hat ihn seit seinem ersten Geburtstag und seitdem sind die zwei unzertrennlich.

Ich muss gestehen: Vor ein paar Monaten hätte ich nicht gewusst, was er mit “Seefa-Geschichte” meint. Heute weiss ich es. Und die Geschichte, wie ich das herausgefunden habe, möchte ich erzählen.

Früher und heute: mehr Gemeinsamkeiten als man denkt

Früher hatten wir Kassetten. Wer sich daran erinnert, diese kleinen Dinger, bei denen man mit dem Bleistift das Band zurückspulen musste, weiss, wovon ich spreche. Mein Sohn Stefan hatte eine Kassettensammlung, die einen halben Meter Regalplatz einnahm. Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen, die drei Fragezeichen. Jeden Abend hat er eine gehört, und ich sass manchmal daneben und habe zugehört.

Was Stefan nicht hatte: Geschichten, in denen sein eigenes Kuscheltier vorkam. Er hatte einen Stofflöwen, der hiess Leopold. Leopold war überall dabei, aber in den Geschichten auf den Kassetten kam er nicht vor. Stefan hat sich das wahrscheinlich nie gewünscht. Man kann sich ja nur wünschen, was man sich vorstellen kann. Und damals konnte sich niemand vorstellen, dass so etwas möglich wäre.

Liam hat Seefa. Und Liam hat Geschichten, in denen Seefa der Held ist. Das ist der Unterschied zwischen damals und heute. Und ich finde, es ist ein schöner Unterschied.

Wie meine Tochter mir Märchenzauber gezeigt hat

Es war im Oktober. Stefans Frau Anna hat mir bei einem Sonntagsbesuch ihr Telefon in die Hand gedrückt und gesagt: “Schau mal, das benutzen wir jetzt für Liams Gutenachtgeschichten.”

Ich sah eine App. Märchenzauber. Auf dem Bildschirm war Seefa. Liams Fuchs, genau so, wie er in echt aussieht. Orangebraunes Fell, buschiger Schwanz, diese verschmitzten Augen. Und daneben der Titel einer Geschichte: “Seefa und der verlorene Stern.”

“Das ist eine Geschichte, die nur für Liam gemacht wurde”, erklärte Anna. “Seefa ist der Held. In jeder Geschichte.”

Ich war skeptisch, das gebe ich zu. Nicht weil ich etwas dagegen hatte, sondern weil ich nicht verstand, wie das funktionieren soll. Eine Geschichte, die nur für Liam existiert? Mit seinem Fuchs als Hauptfigur? Das klang zu gut, um wahr zu sein.

Anna hat mir die Geschichte vorgelesen. Oder besser: Sie hat angefangen, und dann hat Liam übernommen. Er kannte sie auswendig. Jede Seite. Jedes Detail. “Und dann findet Seefa den Stern, Grossmueti”, sagte er, bevor Anna umblättern konnte. “Seefa bringt ihn zurück an den Himmel.”

Sein Gesicht dabei. Dieses Leuchten. Als wäre es nicht einfach eine Geschichte, sondern etwas, das wirklich passiert ist. Seefa hat wirklich den Stern gefunden. Weil Seefa das kann.

In diesem Moment habe ich verstanden.

Ein Abend, der alles verändert hat

Beim nächsten Mal, als Liam bei mir übernachtet hat, war ich vorbereitet. Anna hatte mir geholfen, die App auf meinem Tablet einzurichten. Ja, ich habe ein Tablet, meine Freundin Margrit hat es mir zum sechzigsten Geburtstag geschenkt und bis dahin hatte ich hauptsächlich Patience darauf gespielt.

Liam kam um drei Uhr nachmittags, wie immer mit Seefa unter dem Arm. Wir haben zusammen Guetzli gebacken, Mailänderli, das Rezept von meiner Mutter. Seefa sass auf der Arbeitsplatte und hat “zugeschaut”.

Am Abend, nach dem Nachtessen, haben wir uns auf das Sofa gekuschelt. Liam, Seefa und ich. Und ich habe zum ersten Mal eine Seefa-Geschichte vorgelesen.

Es war eine Geschichte, in der Seefa durch einen Winterwald wandert und dabei kleine Tiere trifft, die Hilfe brauchen. Ein Eichhörnchen, das seine Nüsse verloren hat. Ein Vogel, der nicht mehr singen kann. Seefa hilft ihnen allen. Geduldig, mutig, freundlich. Genau so, wie Liam seinen Fuchs sieht.

Liam hat zugehört, wie ich ihn noch nie habe zuhören sehen. Keine Unterbrechung. Kein “Wann kommt das nächste Bild?” Kein Zappeln. Er lag an meiner Seite, Seefa fest umklammert, und seine Augen waren gross und weit.

Als die Geschichte fertig war, sagte er: “Nochmal.”

Wir haben sie dreimal gelesen.

Was mich staunen lässt

Ich bin einundsechzig Jahre alt. Ich habe meinen Sohn grossgezogen, ohne Smartphone, ohne Tablet, ohne Apps. Wir hatten Bücher und Kassetten, und das war wunderbar.

Aber es gibt Dinge heute, die es früher nicht gab, und manche davon sind wirklich schön.

Dass ein Kind eine Geschichte hören kann, in der sein eigenes Kuscheltier die Hauptrolle spielt. Das ist schön. Dass Liam sich nicht vorstellen muss, dass der Bär in der Geschichte eigentlich sein Fuchs ist, weil es sein Fuchs ist, mit seinem Namen, seinem Aussehen, seinem Charakter. Das schafft eine Nähe zur Geschichte, die ich bei Stefan so nie gesehen habe.

Und die Bilder. Die Bilder in den Geschichten zeigen Seefa. Nicht irgendeinen Fuchs. Seefa. Mit dem buschigen Schwanz und dem verschmitzten Gesicht. Liam zeigt auf das Bild und sagt: “Das ist Seefa!” Nicht “Das sieht aus wie Seefa.” Nein. “Das ist Seefa.”

Für Liam ist diese Geschichte wahr. So wahr wie die Guetzli, die wir zusammen gebacken haben. So wahr wie der Spaziergang im Garten. Seefa hat den Tieren im Winterwald geholfen. Das ist passiert. Punkt.

Grossmutter sein in einer neuen Zeit

Ich habe mit Margrit darüber gesprochen, sie hat drei Enkelkinder, und sie hat gelacht und gesagt: “Claudia, du wirst noch zur digitalen Grossmutter.” Vielleicht hat sie recht.

Aber eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert. Ich sitze immer noch mit meinem Enkel auf dem Sofa. Ich lese ihm immer noch Geschichten vor. Er kuschelt sich immer noch an mich und hält sein Liebstes im Arm. Das Grundgefühl ist dasselbe wie vor dreissig Jahren.

Was neu ist: Die Geschichte kennt Liams Fuchs beim Namen. Und das macht für Liam einen Unterschied, der so gross ist, dass ich ihn kaum in Worte fassen kann.

Letzte Woche hat Liam mir ein Bild gemalt. Mit Farbstiften, etwas wackelig, wie es Dreijährige eben malen. Darauf: ein grosser orangefarbener Kreis mit einem Strich als Schwanz, Seefa. Ein kleinerer Kreis daneben, er selbst, sagt Liam. Und ein noch grösserer Kreis mit etwas, das eine Brille sein könnte. “Das bist du, Grossmueti.”

Darunter hat Anna für ihn geschrieben, was er diktiert hat: “Seefa, Liam und Grossmueti lesen Geschichten.”

Das Bild hängt an meinem Kühlschrank. Es ist das Schönste, was dort hängt.

Für andere Grosseltern

Falls ihr das hier lest und denkt, so etwas sei nichts für euch, ich verstehe das. Ich habe auch so gedacht. Tablets, Apps, das alles klingt nach einer Welt, die nicht unsere ist.

Aber am Ende geht es nicht um Technik. Es geht um Geschichten. Es geht um die halbe Stunde am Abend, in der die Welt nur aus einem Sofa, einem Kind, einem Kuscheltier und einer Geschichte besteht. Die Technik ist nur der Weg dorthin. Das Ziel ist dasselbe wie immer: gemeinsame Zeit. Nähe. Die Stimme einer Grossmutter, die vorliest. Was genau diese Vorlesemomente so besonders macht, habe ich in meinem zweiten Artikel über das Vorlesen mit Enkeln noch ausführlicher beschrieben.

Lena, eine junge Mama aus Zürich, hat einen ehrlichen Erfahrungsbericht über personalisierte Geschichten geschrieben, der mich sehr berührt hat. Auch bei ihr hat das Kuscheltier als Held alles verändert.

Und vielleicht ein Fuchs namens Seefa, der durch einen Winterwald wandert und dabei ein kleines bisschen Magie in unser Wohnzimmer bringt.

Was für eine schöne Zeit.

Claudia Brunner

Claudia Brunner

Bern

Claudia, 61, Bern — Grossmutter von Liam (3). Bücherfreundin, Guetzli-Bäckerin, staunende Entdeckerin digitaler Welten.

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