Was mich in letzter Zeit oft zum Nachdenken gebracht hat: Wie schaffen wir es, unserer Tochter Elif beide Sprachen so mitzugeben, dass sie für sie kein Pflichtprogramm, sondern ein Geschenk sind? Elif ist jetzt vier Jahre alt. In diesem Alter entwickelt sich der Wortschatz rasend schnell. Jeden Tag schnappt sie neue Begriffe auf. Wir leben in Wien, wo das Deutsche ihren Alltag dominiert. Im Kindergarten, auf dem Spielplatz, beim Einkaufen: Überall hört sie Deutsch. Das Türkische, die Sprache meiner Eltern und die Sprache, in der ich viele meiner tiefsten Emotionen ausdrücke, drohte oft etwas in den Hintergrund zu rücken.
Bis wir angefangen haben, unsere Abendroutine ganz bewusst zu gestalten.
Studien zeigen, dass die Sprachentwicklung besonders dann gefördert wird, wenn Kinder die Sprache an eine positive Emotion koppeln. Wenn sie sich geborgen fühlen, öffnen sie sich für Neues. Genau hier kommt unser abendliches Ritual ins Spiel. Elif hat ein absolutes Lieblingskuscheltier. Es ist ein weisses Einhorn mit rosa Mähne namens Sternchen. Sternchen begleitet sie überallhin. Wenn wir abends das Licht dimmen und nur noch die kleine Nachttischlampe warmes Licht in ihr Zimmer wirft, ist Sternchens grosse Zeit gekommen.
Früher habe ich oft den Fehler gemacht, Sprachen zu vermischen oder Elif ständig zu korrigieren. Wenn sie ein deutsches Wort in einem türkischen Satz verwendet hat, habe ich sie verbessert. Das führte dazu, dass sie manchmal gar nichts mehr erzählen wollte. Heute weiss ich: Druck ist der grösste Feind des Lernens. Wenn ein Kind das Gefühl hat, getestet zu werden, verschliesst es sich.
Also haben wir einen neuen Ansatz gewählt. Wir haben beschlossen, dass Sternchen ein ganz besonderes Einhorn ist. Sternchen spricht nämlich manchmal Deutsch und manchmal Türkisch. Masal, so heisst Märchen auf Türkisch, ist seitdem unser liebstes Abendwort. Wenn wir uns ins Bett kuscheln, entscheidet Elif, in welcher Sprache Sternchen heute sein Abenteuer erleben soll.
Oft lese ich Beiträge, in denen Eltern fragen, wie sie diese zweisprachige Erziehung meistern sollen. Auch in meinem Beitrag darüber, wie wichtig es ist, zweisprachig aufwachsen als Chance zu sehen, habe ich schon betont, dass Konstanz wichtig ist. Aber Konstanz darf niemals Zwang bedeuten. Wenn Elif an einem Tag nur deutsche Wörter benutzt, dann ist das völlig in Ordnung. Sternchen nimmt sie mit auf eine Reise, bei der die Sprache ein natürliches Transportmittel ist, keine Hürde.
Was wir durch personalisierte Geschichten erreicht haben, grenzt für mich an kleine Wunder. In unseren Geschichten wird Sternchen zum Retter, zum mutigen Begleiter oder zum geduldigen Zuhörer. Wenn das Kuscheltier der Held der Geschichte ist, identifiziert sich das Kind sofort mit den Erlebnissen. Das ist nicht nur bei uns so. Ich erinnere mich gut an den Erfahrungsbericht zu personalisierten Geschichten, in dem eine andere Mama genau diese emotionale Brücke beschrieben hat. Das Kind sieht seinen besten flauschigen Freund Abenteuer meistern und fühlt sich sofort verbunden.
Dieses Gefühl der Verbundenheit nutzen wir für die Sprachentwicklung. Wenn Sternchen in der Geschichte auf Türkisch nach dem Weg fragt oder auf Deutsch ein Rätsel löst, speichert Elif die Wörter viel tiefer ab. Sie sind nicht mehr nur abstrakte Vokabeln, sondern Teil eines Erlebnisses. Neulich hat sie beim Frühstück völlig unvermittelt einen ganzen Satz auf Türkisch gesagt, den Sternchen in der Geschichte vom Vorabend verwendet hatte. Mein Herz hat in diesem Moment einen kleinen Sprung gemacht.
Es geht nicht darum, dass Kinder sofort perfekt zweisprachig sind. Es geht darum, ihnen ein Fundament zu bauen, auf dem sie sich sicher fühlen. Ein Fundament aus Geborgenheit, Fantasie und bedingungsloser Liebe. Die Zeit vor dem Einschlafen ist dafür ideal. Der Tag fällt von den kleinen Schultern ab, die Reize des Alltags verblassen und es bleibt nur noch die ruhige Stimme der Eltern.
Für alle Eltern, die sich ähnliche Gedanken machen: Geben Sie sich und Ihren Kindern Zeit. Feiern Sie kleine Erfolge. Nutzen Sie Kuscheltiere, Rituale und die Magie des Geschichtenerzählens. Manchmal reicht es schon, wenn ein kleiner Stoffdrache, ein flauschiger Bär oder eben ein rosa Einhorn das Licht löscht und leise “Gute Nacht” flüstert. Oder eben “İyi geceler”.
Ich bin gespannt, welche Abenteuer Sternchen heute Abend erleben wird. Und in welcher Sprache wir heute gemeinsam träumen. Wenn ihr noch mehr Tipps sucht, wie Kuscheltiere bei der Entwicklung helfen können, empfehle ich euch den Artikel über die Forschung zu Kuscheltieren. Dort wird noch einmal wunderbar erklärt, warum diese flauschigen Freunde so wichtig für die kindliche Seele sind.
Bis zum nächsten Mal, wenn wir wieder gemeinsam durch die Welten der Fantasie wandern.
