Jeder Tag in einem neuen Land ist ein kleines Abenteuer. Manchmal ein schönes, manchmal ein anstrengendes. Als wir nach Stuttgart kamen, war alles fremd. Die Strassen, die Gerüche, die Melodie der Sprache. Für mich als Erwachsene ist das eine grosse Herausforderung, aber für meine Kinder Taras und Sofija war es eine ganze Welt, die sich von heute auf morgen komplett verändert hat. Die vertrauten Klänge unserer Heimatstadt wichen einem neuen Rhythmus, den wir erst noch verstehen lernen mussten.
In dieser neuen Welt brauchten wir Anker. Etwas, das uns Halt gibt und uns sagt, dass wir sicher sind. Für Taras und Sofija ist dieser Anker ganz oft ihr Plüschhund Patron. Er ist mehr als nur ein Stofftier. Er ist ein Zuhause zum Mitnehmen, ein stiller Beschützer und seit einiger Zeit auch unser bester Begleiter beim Entdecken der deutschen Sprache. Patron hat weiche Ohren, die schon viele Geheimnisse gehört haben, und eine kleine, aufmerksame Nase, die überall dabei sein muss.
Wenn wir abends zur Ruhe kommen, setzen wir uns oft gemeinsam auf den weichen Teppich im Kinderzimmer. Die kleine Lampe neben dem Bett leuchtet warm, und draussen auf der Strasse wird es langsam still. Das ist unsere gemeinsame Zeit. In Charkiw hatten wir eine feste Routine, und ich habe lange gesucht, wie wir diese in unserem neuen Leben wiederfinden können. Es ist erstaunlich, wie sehr uns Geschichten beim Ankommen helfen. Sie schaffen einen Raum, in dem wir für einen Moment alle Sorgen vor der Tür lassen können und einfach nur wir selbst sind. In diesen Momenten vergessen wir das laute Strassenbahnklingeln von Stuttgart und tauchen in Welten ein, in denen alles möglich ist.
Taras fragte mich gestern ganz nachdenklich, wie Patron eigentlich auf Deutsch bellt. Ob er “Wuff wuff” macht oder “Gav gav” wie auf Ukrainisch? Wir mussten beide herzlich lachen. Es sind genau diese kleinen Momente, in denen die neue Sprache auf einmal nicht mehr fremd und einschüchternd wirkt, sondern neugierig macht. Patron baut eine Brücke zwischen dem, was war, und dem, was jetzt ist. Wenn er in unseren Erzählungen neue Wörter lernt, lernen Taras und Sofija sie gleich ganz mühelos mit. Es fühlt sich dann gar nicht nach Lernen an, sondern nach einem Spiel, das wir zusammen spielen.
Ein wichtiges Wort in unserem Alltag ist Kazka. So heisst Märchen auf Ukrainisch. Wir lesen jeden Abend eine Kazka. Lange Zeit haben wir ausschliesslich ukrainische Bücher gelesen, weil sie uns ein so wichtiges Stück Heimat gebracht haben. Die vertrauten Laute, die bekannten Melodien der Sätze haben den Kindern geholfen, zur Ruhe zu kommen. Aber in den letzten Wochen haben wir angefangen, kleine deutsche Sätze in unsere abendlichen Erzählungen einzubauen. Das zweisprachige Aufwachsen ist ein grosser Schritt für uns alle, und wir gehen ihn ganz bewusst langsam, in unserem eigenen Tempo, ohne uns zu drängen.
Wir nehmen Patron mit auf diese sprachliche Reise, und in den Geschichten, die wir uns ausdenken, erlebt er kleine, mutige Abenteuer in unserer neuen Stadt Stuttgart. Er geht mit uns auf den Wochenmarkt, lernt fleissig deutsche Wörter für Apfel, Karotte oder Brot und trifft andere Tiere im Park, mit denen er sich verständigen muss. Durch ihn wird das Unbekannte greifbar. Wenn Patron sich traut, im Park auf Deutsch nach dem Weg zu fragen, dann weiss Taras, dass er das vielleicht morgen im Kindergarten auch versuchen kann.
Es fasziniert mich immer wieder, wie stark die Bindung zwischen einem Kind und seinem treuen Begleiter sein kann. Manchmal frage ich mich intensiv, warum ein Kuscheltier so wichtig ist. Für Sofija ist Patron ganz klar der Mut, den sie manchmal selbst noch nicht in sich findet. Wenn wir auf den Spielplatz gehen und sie die anderen Kinder laut Deutsch sprechen hört, versteckt sie sich oft erst hinter meinen Beinen. Die schnellen Worte sind ihr noch zu viel. Aber wenn sie Patron fest im Arm hält und sein weiches Fell spürt, traut sie sich irgendwann, “Hallo” zu sagen und den ersten Schritt zu machen. Er gibt ihr die tiefe Sicherheit, dass sie nicht allein ist, egal wo wir hingehen.
Die gemeinsame Abendroutine ist für uns zum wichtigsten Teil des Tages geworden. Wenn das Licht gedimmt ist und wir alle eng beisammen sind, dann erzählen wir uns in Ruhe von unserem Tag. Patron “erzählt” dann auch. Durch ihn können die Kinder oft leichter ausdrücken, was sie vielleicht selbst noch nicht in klare Worte fassen können. Wenn Taras erzählt, dass Patron heute ein bisschen Angst im lauten Kindergarten hatte, weiss ich, dass wir genau darüber sprechen müssen. Geschichten sind unser sanfter Weg, grosse und kleine Gefühle zu verarbeiten und den Tag friedlich abzuschliessen, bevor die Augen zufallen.
Märchenzauber begleitet uns dabei auf eine ganz wunderbare Weise, die den Alltag leichter macht. Die personalisierten Geschichten, in denen Patron der furchtlose Held ist, machen das Zubettgehen jeden Abend zu einem echten Highlight. Es ist, als würden die Abenteuer, die wir uns tagsüber zaghaft ausdenken, am Abend in voller Farbe lebendig werden. Wenn Taras und Sofija hören, was ihr geliebter Hund alles erlebt hat, leuchten ihre Augen im Halbdunkel. Es gibt ihnen das unbezahlbare Gefühl, dass ihr treuer Freund wirklich magisch ist und sie auf all ihren Wegen beschützt, ganz gleich, wie unbekannt der Weg gerade noch scheint.
Wir stehen noch ganz am Anfang unseres Weges. Die neue Sprache ist oft noch ein verwirrendes Labyrinth, und das Gefühl der Fremde verschwindet nicht einfach über Nacht. Es braucht viel Geduld und Zeit. Aber mit jeder neuen Geschichte, die wir gemeinsam erfinden, weitererzählen oder vorlesen, bauen wir uns hier ein kleines, sicheres Stück Heimat auf. Wir lernen jeden Tag zusammen, lachen gemeinsam über lustige Versprecher und wachsen an den vielen neuen Herausforderungen. Patron wird uns auf dieser Reise immer weiter begleiten, mit wachen Knopfaugen und weichen Ohren, stets bereit für das nächste kleine Abenteuer um die Ecke. Und wer weiss, vielleicht bellt er ja bald völlig fehlerfrei auf Deutsch.
